VON WEGEN ROMANTISCH : Petit Paris

Von dieser Stadt träumen alle – bis sie tatsächlich dorthin ziehen. Junge Leute kochen für ihre Vermieter, hausen unter Treppen und protestieren: Denn Wohnungen sind in Paris unbezahlbar.

Stefan Beutelsbacher
Paris
Foto: Visum

Das Angebot klang ungewöhnlich gut. Für Pariser Verhältnisse fast sensationell. Neun Quadratmeter Altbau, komplett möbiliert, im sechsten Arrondissement, nicht weit vom berühmten Café de Flore. Für nur 210 Euro kalt. Als Raphael Gaillard dann in der Wohnung stand, wünschte er, er wäre nie nach Paris gezogen. Das angebliche Zimmer war bloß eine Nische unter dem Treppenvorsprung, abgetrennt durch einen Vorhang. Möbiliert bedeutete hier: zerkratzter Holztisch, Regal, Matratze auf dem Boden. Und die Decke so tief, dass man gar nicht anders konnte, als sich den Kopf zu stoßen. Raphael Gaillard hat das Loch – in Paris nennen sie es Wohnraum – nicht genommen. Aber wahrscheinlich hat es der Vermieter nicht einmal bemerkt, als er fluchend das Haus verließ. Denn da warteten noch 30 andere, die dringend ein Zimmer suchten.

Paris ist die Stadt der Romantik. Solange man hier keine Bleibe sucht. Vor allem junge Menschen bekommen keine Wohnungen, weil es einfach nicht genug freie gibt, und die paar wenigen sind zu teuer. Nach Angaben des französischen Maklerbundes müssen Mieter im Schnitt 24 Euro pro Quadratmeter zahlen. Plus Nebenkosten. In Berlin sind es laut Mietspiegel nicht mehr als sechs Euro. Besonders hoch ist der Quadratmeterpreis von Singlewohnungen. Deshalb geben sich manche mit Schlafnischen unter Treppen zufrieden. Oder einem „Chambre de bonne“ – einem alten Dienstmädchenzimmer.

Michelle Söller, 23, zum Beispiel. Die Berliner Politik-Studentin ist für zwei Auslandssemester nach Paris gezogen. Im siebten Stock eines Mietshauses wohnt sie in einer Kammer, auf drei mal drei Metern, mit abgenutztem Teppich und Rissen in der Wand. Beim Einzug dachte sie noch, das halte sie keine zwei Wochen aus. Jetzt sind es bereits fünf Monate. Sie isst auf dem Bett, abends sammelt sie die Krümel vom Kissen. Wird es ihr tagsüber zu eng, und das kommt häufiger vor, setzt sie sich raus ins Treppenhaus und lernt auf den Stufen weiter. Manchmal bringt Michelle Söller Freunde mit nach Hause. Aber höchstens drei. Genau so viele passen nebeneinander aufs Bett, ohne sich quetschen zu müssen. Die Gastgeberin hockt dann gegenüber auf einem Holzstuhl, so hat sie alle im Blick.

Man müsse das realistisch sehen, sagt Michelle Söller: „Für den Preis bekommt man in Paris nichts Besseres.“ Sie zahlt 510 Euro. Das „Chambre de bonne“ gilt in Paris inzwischen als die typische Wohnform für junge Menschen. In Deutschland kennt man die Zimmer höchstens aus dem französischen Kinofilm „Zusammen ist man weniger allein“. Da hauste Audrey Tautou in so einer Kammer. Aber nur kurz, denn sie machte das einzig Richtige: Sie suchte sich besser verdienende Freunde und zog schnell in deren Wohnung ein.

Wer neu ist in Paris und eine Unterkunft sucht, steht donnerstags frühmorgens am Kiosk und kauft sich „De Particulier à Particulier“, das wichtigste Pariser Anzeigenblatt. So fand Raphael Gaillard auch die Annonce für sein Treppen-Loch. Und für viele andere Bruchbuden, wie er sagt. Das „De Particulier à Particulier“ ist 280 Seiten dick, führt rund 2000 Angebote auf. Die halbwegs bezahlbaren Wohnungen sind nach wenigen Stunden vergeben. „Wer nicht blitzschnell ist“, sagt Gaillard, „hat keine Chance.“

Aufgewachsen ist er in Orléans, der Stadt Jeanne d’Arcs, 130 Kilometer im Süden. Doch vor seiner Ankunft in Paris hat Gaillard ein Jahr in Berlin verbracht, er wohnte in einem WG-Zimmer in Neukölln, 30 Quadratmeter, 235 Euro, „ein Traum“, sagt er jetzt. Die Wohnungssuche in Paris ist sein persönlicher Albtraum. Bei jeder Besichtigung, sagt er, warteten schon Dutzende andere Verzweifelte vor der Tür, nicht selten mehr als 50. So könnten die Vermieter gnadenlos aussieben. „Bevor es ein Bewerber überhaupt in die engere Auswahl schafft, muss er dem Vermieter einen Haufen Fragen beantworten.“ Nicht nur zu Beruf und Einkommen, sondern auch zu Privatem: Ist einer Single oder liiert? Wie oft wechseln die Partner? Wie groß ist der Freundeskreis – und besteht die Gefahr, dass der Bewerber nach Einzug seine Bekannten zu sich einlädt?

Vor allem Studenten, Praktikanten und Auszubildende sind den Vermietern suspekt. „Diese Gruppe sieht sich bei der Wohnungssuche riesengroßen Problemen gegenüber“, weiß Paul Chaine, Gründer der Vermittlungsagentur „Paris Étudiant“, die speziell Jüngeren ehrenamtlich zu einer Bleibe verhelfen will. Nach Angaben des französischen Bildungsministeriums müssen junge Menschen in Paris durchschnittlich 523 Euro im Monat für eine Warmmiete bezahlen. Wer wenig Geld verdient, kein Vermögen hat und auch von den Eltern nicht unterstützt wird, hat Anspruch auf einen staatlichen Zuschuss. Der beträgt meist zwischen 60 und 120 Euro im Monat. Das reicht selten.

Deshalb empfiehlt Chaines Agentur neue, mitunter ungewöhnliche Wohnformen. Ein Konzept sieht etwa vor, dass junge Wohnungssuchende mietfrei bei Familien unterkommen und dann auf die Kinder aufpassen. So hat es Anne Imhoff gemacht. Die 24-Jährige ist aus Bonn und studiert Germanistik an der Sorbonne, eine französische Freundin gab ihr den Tipp. Bügeln, abends kochen, einkaufen im Carrefour – wenn sie dafür gratis in Paris wohnen darf, sagt sie, nimmt sie die Arbeit gerne auf sich. Vor ihrem Einzug hat sie sich mit der Gastfamilie auf zwölf Stunden Hausarbeit pro Woche geeinigt. Sie haben einen Vertrag aufgesetzt. Die Zeit, in der sie mit Elsa, der achtjährigen Tochter, spielt, wird auch angerechnet.

Manchmal nervt es. Zum Beispiel, wenn die Kommilitoninnen in der Bar Mojito trinken und sie selbst Coq au vin kochen muss. Vorigen Freitag war das so. Die Familie hatte Besuch, Onkel Gérard und Tante Henriette waren aus der Provinz angereist, und die deutsche Untermieterin stand stundenlang in der Küche. Immerhin: Der Hahn schmeckte wunderbar, hat Tante Henriette hinterher gesagt.

Dienste erledigen statt Miete zahlen, das ist in Paris ein Modell mit Zukunft, glaubt Paul Chaine, der Wohnungsvermittler. Genauso wie die WG. Die ist in Frankreich allerdings bislang eher unüblich. Nur sechs Prozent der französischen Studenten leben laut Bildungsministerium in einer Wohngemeinschaft. Das liege aber nicht an den Studenten, sagt Chaine. Sondern an den Vermietern, die Angst vor wilden Partys hätten. Zudem seien überdurchschnittlich viele Pariser Wohnungen ungünstig geschnitten, etliche hätten Durchgangszimmer.

Unter den Suchenden wächst die Wut über die Wohnungsnot. Seit mehreren Jahren gibt es organisierte Proteste, manche sprechen von einer neuen sozialen Bewegung. Deren Speerspitze ist die Gruppe „Jeudi Noir“. Das heißt „Schwarzer Donnerstag“, der Name spielt auf den Erscheinungstag des Anzeigenblattes „De Particulier à Particulier“ an.

Die Aktivisten haben es mehrfach ins landesweite Fernsehen geschafft, weil sie mit spektakulären Aktionen auf die Wohnungsnot aufmerksam machen. Sie besetzen leer stehende Häuser und quartieren dort mittellose Familien und Studenten ein. Handelt es sich um öffentliche Gebäude, duldet die Stadt meist die neuen Bewohner. In einigen Fällen gab sie den Forderungen der Gruppe nach und machte aus den besetzten Häusern Sozialunterkünfte. Der bislang größte Coup gelang Jeudi Noir, als Mitglieder mitten in Paris, gleich neben der Börse, eine alte Bank besetzten und zu ihrem Hauptquartier umfunktionierten. Sie trugen Betten in das Gebäude und brachten Duschen an, außen an der Fassade hängt ein Transparent: „Ministerium der Wohnungskrise“. 30 Menschen leben inzwischen dauerhaft in dem Haus, schlafen gemeinsam in einem einzigen großen Raum. Wer den gesehen hat, weiß: Ohne Not wohnt hier keiner freiwillig.

Gerade planen die Aktivisten ihren nächsten Protest. Nicolas Sarkozy hat sie wütend gemacht, wieder mal. Der französische Präsident möchte das Budget für Wohnungsbau kürzen. Und Jeudi Noir will am Tag der Verabschiedung einen Demonstrationszug mit mehreren tausend Teilnehmern organisieren. Direkt hin zum Parlamentsgebäude. Es soll ein Hausbesuch werden.

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