Zeitung Heute : Von wegen "unbankrottbar" - die linke Tageszeitung sucht Wege aus der Krise

Torsten Hampel

Der Kuckuck auf dem Plakat ist erlegt. Der Freund aller Gerichtsvollzieher liegt rücklings auf dem Boden und über ihm ist - weiß auf schwarz - "Unbankrottbar" zu lesen. Das hoffnungsfrohe Motiv stammt aus dem Jahr 1995. Heute, fünf Jahre später, hat sich die Berliner linke Tageszeitung "Junge Welt" die Hoffnung zwar bewahrt. Schlecht geht es ihr dennoch. Das ist eigentlich keine Neuigkeit, aber die gegenwärtige Lage ist besonders ernst. So ernst wie vor fünf Jahren, als das Blatt schon einmal von einem Tag auf den anderen sein Erscheinen einstellte.

"Die verkaufte Auflage ist seit einem Jahr stabil und liegt bei 15 000 Zeitungen", sagt "Junge Welt"-Geschäftsführer Dietmar Koschmieder. Etwa 12 500 Abonnements gebe es. Das reicht nicht für eine in Berlin produzierte Zeitung, die ihr Publikum im Bayrischen Wald wie an der Ostseeküste findet, sich somit einen aufwändigen Vertrieb leisten muss und zudem kaum Anzeigen verkauft. "1000 Abos oder Kuckuck" heißt der Slogan einer vom 95-er Motiv inspirierten Kampagne, die seit Ende Februar läuft. Die Plakate kleben derzeit in ganz Berlin und auch auf der Website der "Jungen Welt" findet sich das Motiv ( www.junge-welt.de ). Rund 540 Abonnements seien seit dem Start der Aktion dazu gekommen. "Bei den zweiten fünfhundert wird es sicher länger dauern", so Koschmieder. Um das Überleben der Zeitung gehe es nicht, behauptet er: "Wir brauchen die Abos, um einigermaßen ruhig über das Jahr zu kommen". Die Lage ist ernster. Die meisten der 35 Beschäftigten haben auf einen Teil ihres Februargehaltes verzichtet, um das Geld dem Verlag als Kredit zur Verfügung zu stellen. Die Kampagne sei "kein Werbegag", sagt der stellvertretende Chefredakteur Rüdiger Göbel. Etwa 30 000 Mark habe die Belegschaft insgesamt gespendet. Wenn bis zum Jahresende kein Überschuss erwirtschaftet worden ist, wird das Mitarbeiter-Darlehen nicht zurück gezahlt.

Es war nicht nur die drohende Insolvenz, auch Konflikte haben die "Junge Welt" in den letzten zehn Jahren stets begleitet. Besonders spektakulär war die Einstellung der Zeitung im April 1995. Eine Woche lang erschien das Blatt nicht, bis die Beschäftigten die Zeitung selbst herausgaben. Mit dem Kuckucks-Motiv aus dem Jahr 1995, das die aktuelle Abo-Kampagne zitiert, beglückwünschten sich einst die neuen Macher zum gelungenen Neustart ihres Blattes. Einen Neustart, einen Relaunch, sollte es auch im kommenden Herbst geben. "Der wird wegen interner Probleme nicht stattfinden", wiegelt Koschmieder elegant ab. Vor allem die inhaltliche, die politische Ausrichtung - der Zeitung sorgte immer wieder für Ärger. Zuletzt knallte es zwischen der Chefredaktion und der "Linken Presse Genossenschaft", die die Mehrheit der Gesellschafteranteile an dem Verlag der "Jungen Welt" hält. Daraufhin kündigte Geschäftsführer Koschmieder Chefredakteur Holger Becker Anfang des Monats. Fristlos. "Die Zeitung hat nur eine Chance, wenn sie sich an radikale Linke in Ost- und Westdeutschland richtet", lautet Koschmieders Überzeugung. Die Gründung der Wochenzeitung "Jungle World" durch einstige "Junge Welt"-Personal ist ein weiteres Ergebnis des hausinteren Richtungsstreits.

Es sah nicht immer düster aus. Die 1947 als Organ der FDJ gegründete Zeitung war noch im Oktober 1989 mit 1,5 Millionen Exemplaren das auflagenstärkste Blatt der DDR. Ende 1990 war die Auflage auf 200 000 Exemplare abgestürzt.

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