Zeitung Heute : Vor 230 Jahren gesunkene Lastkähne geborgen und ins Weserrenaissance-Museum bei Lemgo verfrachtet

Günter Beyer

Nur einen Augenblick waren die Schiffer unachtsam, und schon war das Unglück geschehen. Damals, vor rund 230 Jahren, war es gar nicht so einfach, 90 Tonnen Sandstein per Lastkahn von den Obernkirchener Steinbrüchen an der Mittelweser flussabwärts nach Bremen zu bringen. Vor allem das gefürchtete "Branntweinloch" bei Nienburg war zu Recht bei Binnenschiffern gefürchtet. Hier mäandriert die Weser in einer doppelten S-Kurve, entsprechend stark ist die Strömung. Zudem fuhr man im Konvoi; die beiden Kähne waren aneinandergekettet. Nach allen Regeln der Navigations-Kunst hätte der Steuermann erst einmal auf den Gleithang am rechten Ufer zuhalten müssen, dann das große Heckruder um 90 Grad herumschlagen müssen und auf den "Prallhang" am linken Ufer zusteuern müssen. Aber das Manöver misslang. "Entweder ist ihm ein Fehler unterlaufen, oder das Ruderblatt ist wegen der starken Strömung gebrochen", mutmaßt Vera Lüpkes, Direktorin des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake bei Lemgo. "Jedenfalls sind die beiden Schiffe durch die Strömung um 180 Grad gedreht worden. Der größere der beiden Kähne hat dabei Wasser geholt. Dabei ist die Ladung verrutscht, einer der Steine ist durch die Bordwand beider Schiffe hindurchgeschlagen. Dadurch ist das kleinere leck geworden, und beide Schiffe sind in Sekundenschnelle gesunken."

Vera Lüpkes kann eigentlich über die Havarie am Branntweinloch froh sein. Die gesunkenen Weserkähne waren im Sommer 1995 zufällig bei Baggerarbeiten gefunden worden. Im Herbst 1999 wurden sie aufwändig geborgen und auf eigens angefertigten Pontons in ihr Museum gebracht. Das Unglück von damals erweist sich nun als Glücksfall für die Wissenschaft, denn noch nie ist ein Weserlastkahn jener Zeit im Original aufgefunden worden. Zwar hatte der Bückeburger Hofmaler Anton Wilhelm Strack 1793 auf einer Stadtansicht von Hameln einen Weserlastkahn gezeichnet. "Aber wir nahmen immer an, dass Strack das Schiff im romantischen Sinne idealisiert hatte", erzählt Vera Lüpkes. "Heute wissen wir, dass er sehr präzise Konstruktion und Details wiedergegeben hat."

Inzwischen haben Archäologen erste Untersuchungen an den 27 beziehungsweise 20 Meter langen Wracks vorgenommen. Auf Grund der Jahresringmethode steht fest, dass die beim Schiffsbau verwendeten Eichen 1756 gefällt wurden. Aufschlussreich ist auch die Ladung. Die 90 Tonnen Sandstein bestehen aus grob behauenen Blöcken und Halbfertigprodukten wie Brunnenringen und Grenzsteinen. In den Stein sind drei verschiedene "Hausmarken" bremischer Handelshäuser eingehauen. Es war nämlich üblich, dass die Baustoffhändler die Ware im Obernkirchener Steinbruch persönlich in Augenschein nahmen und mit ihren Hausmarken markieren ließen. Bremen war Hauptumschlaghafen für den begehrten Stein; von dort wurde er nach Holland, Dänemark und im 19. Jahrhundert sogar in die Vereinigten Staaten exportiert. Die Hausmarken, ein Münzfund sowie eine in Flaschen verschlossene, noch unbekannte Flüssigkeit von der Unglücksstelle werden nach ihrer Auswertung den Zeitpunkt des Unglücks eingrenzen.

Dass die beiden Kähne ausgerechnet im 1989 eröffneten Weserrenaissance-Museum Schloss Brake ihren letzten Liegeplatz erhalten, hatdurchaus einen Sinn. In der ehemaligen, mehrfach umgebauten Residenz der Herren zur Lippe erinnert eine Dauerausstellung an die Blüte spätneuzeitlicher Baukunst entlang der Weser. Schlösser, Rat- und Bürgerhäuser zwischen Hannoversch Münden und Bremen sprechen eine architektonisch einheitliche Sprache. Kennzeichen sind die bis auf den Boden reichenden Erker, die sogenannten "Utluchten", sowie die halbkreisförmigen Aufsätze über Fenstern und Portalen ("welsche Giebel"). Rohmaterial dieser prächtigen, repräsentativen Architektur des Adels und des wohlhabenden Bürgertums ist der Sandstein aus Obernkirchen, beliebt wegen seiner Festigkeit und seiner feinporigen Oberfläche. Gewinnung, Transport und Verarbeitung des "Bremer Steins" waren im 17. und 18. Jahrhundert ein einträgliches Geschäft.

Obwohl die im Herbst geborgenen Kähne recht gut erhalten sind, muss das 250 Jahre alte Eichenholz sorgfältig konserviert werden. Die beiden Schiffe wurden im Schlosspark aufgebockt und ein gläsernes Treibhaus provisorisch über dem Fund errichtet. Mehrere Wochen wurde die Eichenspanten mit Flusswasser eingesprüht, um sie von Lehm und Sedimenten zu reinigen. Mindestens zwei Jahre lang muss das Holz mit einem Kunstwachs eingesprüht werden. Gute Erfahrungen hat man mit Polyethylenglycol (PEG) gemacht. Die 1962 in der Weser bei Bremen gefundene Hansekogge aus dem Jahr 1380 beispielsweise wurde 18 Jahre lang in eine riesige Stahlbadewanne mit PEG getaucht. Soviel Aufwand ist bei dem wesentlich jüngeren und besser erhaltenen Holz der Lastkähne nicht nötig. Eine Sprühkonservierung soll denselben Zweck erreichen. "Wir fangen mit einer 20-prozentigen Konzentration an", erzählt Archäologe Eckehard Deichsel. Das dünnflüssige Gemisch dringt in die Holzzellen ein und stabilisiert sie. "Im Lauf der Jahre werden wir die Konzentration langsam auf 40 Prozent PEG erhöhen", sagt Eckehard Deichsel mit Blick auf den guten Erhaltungszustand des Holzes. "Der Kern ist noch ganz hart. Das merkt man, wenn man versucht, mit dem Messer ins Holz zu stechen oder einen Nagel hineinzutreiben."

Durch die Scheiben des Glashauses können Besucher den Fortgang der Konservierung beobachten. Eine kleine Ausstellung im Vorraum informiert anschaulich über Fund, Bergung, Konservierung und die kulturgeschichtliche Bedeutung der beiden Kähne. Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, 32638 Lemgo; Telefon: 052 61 / 945 00. Öffnungszeiten der Konservierungshalle dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr 45. Führungen sonntags 16 Uhr 30 und nach Voranmeldung.

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