Zeitung Heute : Vor Alarm wird gewarnt

Warum das Bevölkerungswachstum keine Katastrophe ist

Nicholas Eberstadt

Der jüngste Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen prognostizierte in warnendem Ton, dass im Jahr 2008 über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben werde. Schockierend! Schrecklich! Aber der Bericht enthält eine wichtige und ernstzunehmende Botschaft: den Vorschlag nämlich, den Prozess der Verstädterung zu bremsen, und zwar durch die Senkung der Geburtenrate. Die Sache hat nur einen Haken. Es wird keine zwingende Begründung für diesen Vorschlag geliefert.

Jahrelang hat der UN-Bevölkerungsfonds versucht, die eigene Existenz zu rechtfertigen, indem er in seinen Berichten forderte, das Bevölkerungswachstum in ärmeren Regionen zu vermindern; nur so ließe sich dort eine „nachhaltige Entwicklung“ erreichen. Dieser Vorschlag mag auf spontane Zustimmung stoßen. Aber er wird nicht durch Fakten untermauert. Die globalen Lebensverhältnisse haben sich in Wirklichkeit in den letzten 100 Jahren enorm verbessert, obwohl sich die Weltbevölkerung in einem Jahrhundert fast vervierfacht hat. Und sie können sich weiter verbessern, trotz der aktuellen sowie der prognostizierten Zuwachsraten.

Es gibt keinen Bedarf an staatlichen Eingriffen in unsere Fortpflanzung. Abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit einer Zwangspolitik – wie der chinesischen Ein-Kind-Politik – wissen wir noch nicht einmal, ob die Politik überhaupt einen Einfluss auf das menschliche Bevölkerungswachstum hat.

Betrachten wir zunächst einmal den häufig gebrauchten Begriff „Überbevölkerung“. Wenn Bevölkerungsdichte der entscheidende Faktor für den Gebrauch des Wortes „Überbevölkerung“ ist, müssen Indien und Ruanda ganz gewiss als überbevölkert gelten; beide verzeichnen eine Dichte, die sechsmal so hoch ist wie der weltweit gemessene Durchschnittswert. Aber Belgien ist wesentlich stärker „überbevölkert“ als Ruanda, und das durch die Ölvorkommen extrem reiche Bahrain ist dreimal so stark „überbevölkert“ wie Indien. Das reiche und städtische Monaco ist mit einem Niveau, das 700-mal über dem Weltdurchschnitt liegt, das am stärksten „überbevölkerte“ Land der Welt.

Üblicherweise werden die Begriffe „überbevölkert“ und „Überbevölkerung“ mit Bildern von hungernden Kindern, unbehandelten Krankheiten, armseligen Lebensbedingungen und wuseligen Slums assoziiert. Dies sind sehr reale Weltprobleme, aber der treffende Begriff dafür lautet „Armut“.

Obwohl die Weltbevölkerung im Laufe der letzten 200 Jahre erheblich zugenommen hat, neigen sich die Vorräte an natürlichen Ressourcen nicht ihrem Ende zu, und wir werden sicherlich nicht ärmer. Man muss sich die Zahlen vergegenwärtigen: Zwischen 1900 und 2000 hat sich die Weltbevölkerung fast vervierfacht, von 1,6 Milliarden auf 6 Milliarden. Aber in derselben Zeit hat sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit verfünffacht.

Außerdem nahm die Nahrungsmittelproduktion im selben Zeitraum kontinuierlich stärker zu als die Bevölkerung, während die Rohstoffe von Kupfer bis Aluminium billiger geworden sind. Diese Entwicklungen erklären überhaupt erst, warum es zu einer „Bevölkerungsexplosion“ kommen konnte: Nicht etwa, weil sich die Menschen auf einmal wie die Kaninchen vermehrten, sondern weil sie nicht mehr starben wie die Fliegen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung verdoppelt, von etwa 30 Jahren auf über 60 Jahre. Weltweit ist die Kindersterblichkeit deutlich gesunken. Da weniger Menschen starben, ist die Bevölkerung gewachsen, und zwar trotz des Geburtenrückgangs seit den 1960er Jahren.

Diese „Gesundheitsexplosion“ hat die „Bevölkerungsexplosion“ verursacht, und diese dramatische, kontinuierliche Verbesserung der Gesundheitssituation ist zum Teil durch die beispiellose Steigerung des materiellen Wohlstands bedingt, vor allem während der letzten paar Jahrzehnte. Nahrungsmittel werden immer noch billiger, und der medizinische Fortschritt hält unvermindert an. Dennoch befürchten Befürworter einer mäßigenden Bevölkerungspolitik, dass die Weltbevölkerung sich in diesem Jahrhundert verdoppeln könnte, und fordern staatliche Eingriffe. Aber ihre Pläne, Bevölkerungskontrolle durch Zwangsmaßnahmen zu erreichen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Betrachtet man die globale Entwicklung, lässt sich kein kausaler Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit empfängnisverhütende Mittel und der Geburtenrate erkennen. Verhütungsmittel sind zum Beispiel in Jordanien und Japan gleich stark verbreitet, aber die Geburtenrate ist in Jordanien dreimal so hoch wie in Japan. In Mexiko gibt es seit 1974 ein nationales Programm zur Familienplanung. In Brasilien hat es so etwas nie gegeben. Dennoch ist in beiden Ländern die Geburtenrate während der letzten 25 Jahre in gleichem Umfang zurückgegangen.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Die Größe der Familie hängt in armen Ländern unter Analphabeten entscheidend vom Willen der Eltern ab. Gleiches gilt für die Wohlhabenden in reichen Ländern. Eine anti-natalistische Politik ist deshalb zwecklos – es sei denn, man wolle Chinas Zwangspolitik mit all ihren schrecklichen Konsequenzen nacheifern. Eltern in aller Welt und aller Einkommensschichten haben sich seit den 1960er Jahren dafür entschieden, weniger Kinder zu bekommen. Infolgedessen wird die Weltbevölkerung längst nicht so dramatisch zunehmen wie die Bevölkerungs-Alarmisten sich vorgestellt haben, und eine „Stabilisierung der Weltbevölkerung“ wird sich ohne Notmaßnahmen von Regierungen erreichen lassen.

Unser armer Planet hat Glück: „Überbevölkerung“ ist kein ernsthaftes Problem. Mit einer vernünftigen Politik wird es rund um den Globus Fortschritte geben, was Gesundheit und Wohlstand betrifft, die Medizin wird sich weiter entwickeln und die Ernährungssituation wird sich bessern. Der menschliche Erfindungsgeist hat in der Geschichte immer Lösungen für das Problem mangelnder Ressourcen gefunden, und der Mensch hat Technologie entwickelt, die es ermöglichen, mehr Menschen auf diesem Planeten auf einem höheren Niveau zu versorgen. Anti-Natalisten ignorieren das menschliche Potenzial, bürden den Armen die Schuld für ihre Armut auf und propagieren falsche Lösungen. Die Armen brauchen wirtschaftliche Freiheit, damit sie selbst ihre Lage verbessern können – und keine nutzlosen UN-Programme. Nicholas Eberstadt

Der Autor ist leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Politische Ökonomie und Henry Wendt Scholar am American Enterprise Institute in Washington, D.C..

Aus dem Englischen von Al Sopot.

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