Zeitung Heute : Vor aller Augen unsichtbar

Hier versteckte er sich, hier gab er seine Mordbefehle, hier wurde er verhaftet: Corleone, die Heimat des Mafiabosses Provenzano

Verena Mayer[Corleone]

Der Weg, den die Ehefrau des Paten genommen hat, um ihrem Mann gebügelte Hemden zu bringen, ist schmal und führt steil nach oben. Büsche säumen die gewundene Montagna dei Cavalli. Irgendwann geht sie in ein Plateau über, und dort steht ein Häuschen aus Stein. Es gehört einem Hirten und ist mehr Schuppen als Behausung, winzig, dunkel, drinnen gibt es nicht viel mehr als einen grob gezimmerten Tisch und einen Stuhl aus Holz. Hier hat Bernardo Provenzano gelebt, Chef der sizilianischen Mafia, Capo dei Capi, wie sie ihn in Sizilien nennen. Von hier aus hat er die Cosa Nostra geleitet. Seine Befehle hat er mit der Schreibmaschine auf kleine Zettel getippt.

Vor Ostern ist Bernardo Provenzano verhaftet worden, nachdem er mehr als vier Jahrzehnte lang untergetaucht war. Im September 1963 wurde er das letzte Mal gesehen, noch Ende März hat ihn das letzte Mal jemand für tot erklärt.

Ein paar Polizeiautos stehen vor dem Häuschen. Männer mit Metalldetektoren gehen ein und aus. Auf den Hängen gegenüber blüht gelb der Ginster, Vögel zwitschern, man sieht über das weite sizilianische Hügelland. Es ist sehr idyllisch hier oben, wenn auch nicht unbelebt. Häuschen reiht sich an Häuschen, man kann auch Ferien auf dem Bauernhof machen.

Ein Mann geht mit einem Hund vorbei, ein anderer steht träge an seine Hausmauer gelehnt und guckt den Polizeibeamten bei der Arbeit zu, so wie er vielleicht auch der Ehefrau des Paten zugeguckt hat, wenn sie ihren Wäschesack ablieferte. Das Versteck, in dem Provenzano gelebt hat, ist entlegen, aber es befindet sich vor den Augen aller. Nur drei Kilometer entfernt von Corleone – jenem Ort, in dem Provenzano aufgewachsen ist und wo seine Ehefrau und seine engsten Vertrauten wohnen.

Corleone, südlich von Palermo. 11 000 Einwohner, Ort der sizilianischen Mafia, weltbekannt seit „Der Pate“. Die Stadt wirkt an den Hang geklebt wie ein Kaugummi an ein Stuhlbein. Es ist eine typisch sizilianische Stadt, eng und verwinkelt. Die hölzernen Fensterläden sind auch in den schattigen Gassen zugeklappt, dahinter steht oft jemand und schaut auf die Straße. In Corleone sieht man lieber, als dass man gesehen wird. Derzeit wird in Corleone viel spekuliert. Die einen glauben, dass Provenzano von den eigenen Leuten abgesägt worden ist. Weil sich die Zeiten geändert hätten und jemand, der in einer Hirtenhütte Befehle tippt, längst zum alten Eisen gehöre. Andere sagen, dass der Mafiaboss sich bewusst habe schnappen lassen, weil er schwer krank ist. Bernardo Provenzano schweigt erst mal.

Noch kann keiner sagen, was seine Verhaftung bedeutet. Ob schon Nachfolger bereitstehen oder ob die Mafia sich jetzt aus Corleone zurückziehen wird. Die Stadt war immer schon ein Symbol für Sizilien, dafür, dass man nach Jahrhunderten wechselnder Herrschaft nicht viel auf den Staat gibt, sondern seine Angelegenheiten unter sich ausmacht. Bernardo Provenzano, 73 Jahre alt, ist ein Sohn dieser archaischen Gegend. Er lebte von Pasta und selbst gemachtem Käse, der einzige Luxus, den er sich angeblich gönnte, waren die gebügelten Hemden. Er las in einer von fünf Bibeln, die er bei sich hatte. Immer wieder hat er seiner Familie Zettelchen zukommen lassen. „Gott segne und beschütze euch“, schrieb er. Oder: „Ich bin geboren, um zu dienen.“

Gedient hat er als junger Mann dem Mafiaboss Luciano Liggio. Es ging um das Übliche: Schutzgeld, Entführungen, Beseitigung der Konkurrenz. „Binnu schießt wie ein Gott. Leider hat er das Hirn eines Hühnchens“, soll Liggio über Provenzano gesagt haben. Nach Liggios Verhaftung arbeitete er für Salvatore Riina, der ebenfalls aus Corleone stammt. Gemeinsam mit ihm hat er die Cosa Nostra neu organisiert und die „Corleonesi“ zur führenden Mafia-Familie Siziliens gemacht. Mit allen Mitteln.

Der Friedhof von Corleone liegt am Rand des Städtchens. Die Grabsteine sind hell und wuchtig, auf den meisten sind kleine Schwarzweiß-Fotos der Verstorbenen angebracht. Die Fotos zeigen auffallend viele Männer in den besten Jahren. Anna Peloroto, eine pensionierte Lehrerin mit rot gefärbten Haaren und viel Goldschmuck, leitet eine Anti-Mafia-Dokumentationsstelle in Corleone. Sie weiß noch gut, wie das war, als die Clans Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre die Kämpfe um die Vorherrschaft auf der Straße austrugen und alle anderen dazu schwiegen. Man hatte Angst, draußen zu sein, sagt Anna Peloroto, selbst auf dem Weg zur Kirche. Einmal haben sie einen vor dem Rathaus erschossen. Er lag auf dem Vorplatz in seinem Blut. Die Leute hatten sich zu Boden geworfen, als die Schüsse fielen, dann gingen sie einfach weiter. Ein junger Oppositionspolitiker hat schließlich zum Bürgermeister gesagt, man sollte jetzt vielleicht die Polizei holen. „Warum rufen Sie die nicht?“, erwiderte der Bürgermeister und drehte sich um. Der junge Politiker ist dann zum Fleischer gegangen und wollte telefonieren. Das Telefon funktionierte gerade nicht. Auch in der Bar daneben hieß es, das Telefon sei eben kaputtgegangen.

Die Bar, die sich heute gegenüber dem Rathaus befindet, ist voll gepflastert mit Fotos aus Francis Ford Coppolas Verfilmung des „Paten“. Marlon Brando als Don Vito Corleone, Al Pacino als sein Sohn. Der Wirt nimmt stolz Bild für Bild von der Wand und zeigt es den Besuchern. Sein Handy läutet, der Klingelton ist die Titelmelodie des „Paten“. Der Wirt schenkt selbst gemachten Likör aus. Der Likör heißt der „Der Pate“, man kann ihn in den Geschmacksrichtungen Kräuter und Zitrone kaufen. Der Mythos Mafia ist ein Teil von Corleone wie die Mafia-Gegner. Es gibt einen Platz, der den Opfern der Mafia gewidmet ist, und einen, der nach den Ermittlern Falcone und Borsellino benannt ist, deren Ermordung der Mafiaboss Salvatore Riina Anfang der 90er Jahre in Auftrag gegeben hatte.

„Centro di Documentazione Antimafia“ steht auf einem Hauseingang in einer schmalen Gasse. Hier gibt es eine Dauerausstellung über die Mafia zu sehen, dazu Recherchematerial und eine Bibliothek. Zweimal die Woche kommt eine Busladung amerikanischer Touristen. Die Dokumentationsstelle ist klein, doch die Eröffnung Ende 2000 war ein Akt von großer Symbolkraft – ein Zeichen Corleones gegen die Mafia, sogar der italienische Präsident Ciampi war anwesend. Anna Peloroto, die Leiterin, will trotzdem auch von etwas anderem sprechen. „Ach, in Corleone, da gibt es so viel Interessantes. Hier waren die Punier, die Griechen, die Spanier, die Normannen, und wir haben einen Heiligen, den Bruder Bernhard.“

Natürlich haben sie auch ein Bild von Bernardo Provenzano. Es zeigt einen Mann mit breitem Bauerngesicht, es ist aus den 50er Jahren, das einzige Foto, das von Provenzano vor seiner Verhaftung existierte. Der Mafiaboss selbst war drei Kilometer vom Anti-Mafia-Zentrum entfernt. „Sagen wir es so, das hat niemanden im Ort besonders überrascht“, meint Anna Peloroto, bevor sie das Thema wechselt und von einem corleonesischen Futuristen erzählt. Ein König könne eben nur im eigenen Land regieren. Mit der „Omertà“, dem Gesetz des Schweigens.

Sechsmal verurteilten Gerichte Provenzano in seiner Abwesenheit zu lebenslanger Haft, 50 Morde werden ihm zur Last gelegt. Als Salvatore Riina 1993 verhaftet wurde, übernahm Provenzano die Führung. Er führte die Geschäfte der Cosa Nostra diskreter als sein Vorgänger, dafür war er bestens vernetzt in Staat und Politik. Sein Vermögen ist in Immobilien und Firmen angelegt, was seinen Lebensstil betraf, zog er jedoch die Kargheit des Landlebens vor. Um seinen Untergebenen damit ein Beispiel von alter Mafia-Ethik zu geben, wie Piero Grasso, Chef der italienischen Anti-Mafia-Behörde, sagte.

2003 ließ Provenzano sich in einer französischen Privatklinik behandeln, unter falscher Identität. Die Polizei kam immer zu spät, in Frankreich konnte man nur mehr seine genetischen Spuren sichern. Das Einzige, was man von Provenzano hatte, waren Zettelchen. Hunderte davon wurden inzwischen in dem steinernen Häuschen gefunden. „Liebster, mit Freude habe ich deine Nachricht erhalten, es freut mich sehr zu wissen, dass ihr alle wohlauf seid“, lautete eine Nachricht. „Dasselbe kann ich, dem Herrn sei Dank, auch von mir behaupten. Was jenen Namen, den du mir genannt hast, anbelangt, so versuche ich, das Problem zu lösen. Unser gemeinsamer Freund wird ihn sprechen.“ Für seine Untergebenen hatte Provenzano ein Nummernsystem entwickelt, die Staatsanwaltschaft in Palermo versucht gerade, es zu entschlüsseln.

Antonino Jannazzo, Kommunalpolitiker in Corleone, empfängt Besucher strahlend im Rathaus. Jannazzo redet von einem großen Erfolg der Behörden, von einem Neuanfang und davon, dass die jungen Leute in Corleone „Lust auf Legalität“ hätten. „Wir machen Kurse an den Schulen, und unsere Kinder sollen von klein auf lernen, dass sie Teil einer Zivilgesellschaft sind.“ Auch soll in Corleone ein Platz nach dem 11. April benannt werden, dem Datum der Verhaftung Provenzanos, „einem sehr großen Freudentag für uns“. Und die Ehefrau von Provenzano, seine Vertrauten, seine beiden Söhne? Jannazzo zuckt mit den Achseln: „Alles sehr respektierte Personen, es gab nie Grund, sie zu verdächtigen.“

Das Haus der Ehefrau liegt am Ortsausgang, es ist nicht sofort zu finden, aber jeder weiß, wo es ist. Sie ging einkaufen oder zum Friseur, und mehrmals die Woche machte sie sich auf, um ihrem Mann Sachen zu bringen oder abzuholen. Corleone, das sind zwei Welten: das Offensichtliche und das, was sich dahinter offenbar verbirgt. Schwer zu sagen, ob sich nun alles ändern wird, wie es Lokalpolitiker Jannazzo erhofft.

Glockenläuten durchschneidet die morgendliche Stille. Ein Lehrer ist an Krebs gestorben, die Einwohner Corleones versammeln sich vor der Kirche. Der blumengeschmückte Sarg wird vorbeigetragen, die Leute klatschen, wie es Brauch ist. Nach der Beerdigung stehen die Jugendlichen in Gruppen zusammen, die Mädchen tragen enge Jeans und Stilettos, die Jungen haben viel Gel in den Haaren. Wenn man sie anspricht, reden sie bereitwillig mit einem. Sie erzählen, dass sie bereits hoch gefahren sind zur Hütte des Paten, um sich das aus der Ferne mal anzugucken. Und dass sie die Schnauze voll hätten von der Mafia, von der Politik, speziell von Berlusconi. Die meisten wollen lieber heute als morgen weg. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Jobs gibt es für sie höchstens in Palermo oder Rom.

Anna Peloroto glaubt, dass die Söhne Provenzanos nicht die Geschäfte ihres Vaters fortführen werden. „Das ist eine andere Generation, die werden einen anderen Weg einschlagen.“ Einer der Söhne ist Italienischlehrer in Deutschland. Anna Peloroto schließt die Tür ihres Büros. Sie hoffe, sagt sie mit gesenkter Stimme, dass mit Provenzano endlich auch „die Präpotenz einiger Leute“ verschwinde. Die Tatsache, dass in den Hinterzimmern früher Polizisten gewissen Männern die Hand geküsst haben. Die Selbstverständlichkeit, mit der einst gesagt wurde, dass die Mafia nicht existiert. Einmal, als der dritte Teil des „Paten“ gedreht wurde, war Al Pacino in Corleone. Er ging in ein Restaurant und sagte, dass er Verwandte in Corleone habe, alte Leute, und ob der Wirt die vielleicht anrufen könne. Der Wirt griff zum Telefon. „Hier sitzt Al Pacino und will euch kennen lernen, ihr wisst schon, der vom ,Paten‘“, sagte er. „Welcher Pate? Nie gehört“, wurde ihm geantwortet.

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