Zeitung Heute : Vor dem Krieg ist nach dem Krieg

Welche Währung löst den Saddam-Dinar ab? Wie wird das Schulsystem wieder aufgebaut? In den USA wird schon der Nachkriegs-Irak entworfen. Monatelang haben Pentagon und CIA den Einsatz vorbereitet. Doch was auf die Soldaten wirklich zukommt, werden sie erst wissen, wenn es so weit ist.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Bald wird es heiß im Irak. Ende April kann das Thermometer in der Wüste auf 50 Grad steigen. Dann setzen auch die berüchtigten „Schamal“-Winde ein. Das sind heftige Stürme aus Sand und Staub. Der Sand dringt durch alle Ritzen. Kein Funkgerät, kein Präzisionsgewehr ist vor ihm sicher. Die Luftfilter der Panzer verstopfen. Außerdem werden die Soldaten besondere Anzüge zum Schutz vor biochemischen Waffen tragen müssen. Darunter wird es erst recht heiß. Kein Problem, hieß es im vergangenen November noch stolz im Pentagon. Damals sollte der Weltpresse das neue, leichtere Schutzuniform-Modell präsentiert werden. Während der Vorführung brach ein derart schutzuniformierter Soldat im Scheinwerferlicht zusammen. Bewusstlos fiel er vornüber auf die erste Stuhlreihe.

Das Klima ist ein Problem, obgleich längst nicht das größte. Was insgesamt in einem Irak-Krieg schief gehen kann, steht auf fünf maschinengetippten Din-A4-Seiten. Der „Risikokatalog“, wie das Dokument genannt wird, liegt gut verwahrt im Büro von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Was tun wir, wenn Saddam Hussein seine Chemiewaffen gegen die eigene Zivilbevölkerung einsetzt? Wenn er ausländische Korrespondenten als Geiseln nimmt? Wenn er die irakischen Ölfelder nicht bloß in Brand setzt, sondern durch unterirdische Explosionen zerstört? Wovon soll dann der Wiederaufbau im Irak finanziert werden?

Erstaunlich offen beginnt die US-Regierung, die Gefahren eines Irak-Krieges zu diskutieren. Eine neue Phase in der Kriegsvorbereitung hat begonnen. Amerika soll darauf eingestimmt werden, „dass der Irak nicht Afghanistan ist“, wie es ein Mitarbeiter des Weißen Hauses ausdrückt. Die Erwartungen an einen schnellen Sieg werden gedämpft. Niemand soll später behaupten dürfen, er sei nicht gewarnt gewesen.

Dabei sieht die militärische Lage auf den ersten Blick äußerst vorteilhaft aus. Schon im ersten Golfkrieg waren die USA den Irakern haushoch überlegen. Laut einer gerne erzählten Anekdote sollen sich irakische Soldaten nach dem US-Dauerbombardement sogar einigen italienischen Journalisten ergeben haben. Voller Angst und mit erhobenen Händen seien sie auf das Kamerateam zugelaufen. In den vergangenen zwölf Jahren ist der militärische Abstand fast unermesslich groß geworden. Eine Schlacht auf offenem Felde, wie im ersten Golfkrieg, wäre nach 24 Stunden entschieden. Das weiß auch Saddam. Deshalb wird er sich verschanzen, den Krieg in die Länge ziehen. Je grausamer die Bilder sind, die von dieser Invasion gesendet werden, desto besser für ihn. Flüchtlingsströme, Hungerelend, Häuserkampf, brennende Ölfelder: Das sind die Szenarien, die seiner Sache nützen. Für den Diktator von Bagdad gibt es nur eine Strategie. Seine Armee kann die Amerikaner nicht stoppen, das kann nur eine empörte Weltöffentlichkeit.

Was wollen die USA dagegen tun? Fast täglich sickern Informationen über ihre Angriffspläne durch. Einige davon werden gezielt verbreitet, als Bestandteil der psychologischen Kriegsführung. Nicht alles ist wahr, was unter Berufung auf „anonyme Quellen aus dem Pentagon“ zu lesen ist. Aber insgesamt ist das Bild, das sich inzwischen abzeichnet, durchaus plausibel. Ein US-Offizier fasst die Pläne in einem einzigen Satz zusammen: „Das wird nicht der Golfkrieg, den dein Vater kennt.“

Die Devise heißt: ausschalten, einschüchtern, absichern. In den ersten 48 Stunden wollen die Amerikaner zehnmal so viele Präzisions-Bomben abwerfen wie im Golfkrieg 1991. Die Sprengsätze sollen Luftabwehranlagen zerstören, die Hauptquartiere treffen und mögliche Trägersysteme für biochemische Kampfstoffe vernichten. Strategisch besonders sensible Punkte – Ölfelder, Flughäfen, unterirdische Bunker, mögliche Abschussanlagen für Scud-Raketen, die Israel treffen können – werden durch Fallschirmjäger gesichert. Dann rückt ein massives Kontingent an Bodentruppen nach.

Innerhalb kurzer Zeit sollen die US-Truppen, die von Kuwait und der Türkei aus vorgerückt sind, Bagdad umzingelt haben. Was passiert dort? Kommt es zum langwierigen Häuserkampf mit vielen Toten in der Zivilbevölkerung? Das kann keiner prophezeien. Die 4,5 Millionen Einwohner der Stadt sind zu 60 Prozent Schiiten. Die Schiiten mögen Saddam nicht. Auch auf die Loyalität seiner regulären Armee kann sich der Diktator nicht verlassen. Aus Angst vor einer Revolte durften in Bagdad bislang ausschließlich Einheiten seiner speziellen Republikanischen Garde operieren. Sich nun mit größeren Truppeneinheiten unter die Zivilbevölkerung zu mischen ist für das Regime äußerst riskant.

Sollte ein Häuserkampf dennoch unvermeidlich sein, „werden wir ihn nicht wie die Russen in Grosny führen“, sagt ein US-Offizier. Also nicht Haus um Haus, Straße um Straße. Als Erstes sollen innerhalb der Stadt wichtige Stützpunkte eingenommen, als Zweites Fluchtwege für die Zivilbevölkerung geschaffen werden. Ohnehin werden die Angriffspläne im hohen Maße von der Überlegung diktiert, sowohl für den Krieg als auch für die Nachkriegszeit auf die Sympathien der Iraker angewiesen zu sein. 60 Prozent – das sind 16 Millionen Menschen – sind vollständig abhängig von einer zentral gelenkten Nahrungsmittelverteilung. Ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren leidet unter zum Teil lebensbedrohlicher Mangelernährung. Für die Versorgung dieser Menschen ist in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ausschließlich die US-Regierung verantwortlich. Schon jetzt werden täglich tonnenweise Nahrungsmittel und Medikamente in Nachbarländer des Irak geflogen, um im Ernstfall eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.

Dafür soll, auch nach einem Sturz Saddam Husseins, das zentrale Verteilungssystem genutzt werden. Innerhalb der US-Pläne spielt die irakische Bürokratie bei der Versorgung der Bevölkerung sowie beim Wiederaufbau des Landes eine wichtige Rolle. Stabilität geht vor Moralität. Das erzürnt die exilirakische Opposition. Nicht nur die Führung in Bagdad müsse ersetzt werden, sondern das gesamte Machtsystem, fordern ihre Anhänger.

Die Grundsatzfragen nach Moral und Humanität stellt Rubar Sandi nicht. Ihn und seine 15 Kollegen beschäftigen ganz praktische Probleme. Ihre Gruppe nennt sich „Future of Iraq Project“ und arbeitet im US-Außenministerium. In welcher Zeit sollen die Banknoten mit dem Konterfei von Saddam Hussein ausgewechselt werden? Wie macht man den so genannten „Saddam Dinar“, der im Raum Bagdad gültig ist, mit dem „Swiss Dinar“, der im kurdischen Norden benutzt wird, kompatibel? Mehr als ein Dutzend solcher Gruppen beschäftigen sich mit derart handfesten Plänen. Schließlich muss alles neu organisiert oder aufgebaut werden: das Schulsystem, die Ölindustrie, das Gerichtswesen, die Gesundheitsversorgung. Ausgestattet sind diese Gruppen vom State Department mit einem Millionenetat.

Zusammengefasst und ausgewertet werden all diese Ideen in einer neu gegründeten Behörde, die dem Verteidigungsministerium zugeordnet ist. Sie heißt „Office of Reconstruction and Humanitarian Assistance“. Amerika stellt sich darauf ein, im Irak den aufwändigsten Wiederaufbau eines Landes seit der Besetzung Deutschland und Japans zu leisten. Mindestens 18 Monate lang soll der Irak zunächst unter amerikanische Militärherrschaft kommen. In Bagdad würde ein ziviler Statthalter regieren. Die staatliche Integrität des Landes soll gewahrt bleiben, jede Einmischung von Außen verhindert werden. Sobald die Stabilität gewährleistet ist, soll es eine irakische Version der „Loja Dschirga“ geben: einen Zusammenschluss von Abgeordneten, die lokal gewählt wurden und auf Grundlage einer demokratischen Verfassung eine Regierung ernennen.

In der US-Theorie entstünde daraus ein neuer Naher Osten. Der Iran, mit US-Truppen an seiner Grenze, geriete unter enormen Druck, sein Nuklearwaffenprogramm zu beenden und die Unterstützung der Hisbollah einzustellen. Syrien wäre plötzlich von proamerikanischen Mächten umringt – Türkei, Irak, Jordanien und Israel. Auch dort, und wenig später in Syriens Vasallenstaat Libanon, fänden Terroristen keinen Unterschlupf mehr. Saudi-Arabien wiederum sähe seine herausragende Stellung als Amerikas Haupt-Öllieferant gefährdet.

Jeden Abend legt Rumsfeld seinen „Risikokatalog“ in einem Fach seines Stehpultes ab. Auf der rechten Seitenhälfte wimmelt es von Fragezeichen. Was tun, wenn Saddam vor einer US-Invasion Israel mit biochemischen Waffen angreift? Müssen die USA auch dann militärisch intervenieren, wenn es in Bagdad in den nächsten Wochen zu einem Umsturz kommt (das Pentagon tendiert zu einem Ja)? Was tun, wenn sich die Krise mit Nordkorea verschärft? Viele Monate lang hatten Pentagon und CIA Zeit, sich auf den Irak-Krieg vorzubereiten. Gestern wurde in der „New York Times“ ein US-Regierungsvertreter mit dem Resümee zitiert, eine Reihe elementarer Fragen sei weiter offen. „Wir wissen immer noch nicht, wie unsere Truppen von der irakischen Bevölkerung empfangen werden. Werden sie uns zujubeln, uns verspotten oder auf uns schießen? Es bleibt wohl eine Tatsache: Das werden wir erst dann wissen, wenn wir da sind.“

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