Zeitung Heute : Vor dem letzten Sonnenaufgang

Petra Anwar betreut als Palliativärztin Patienten für den Verein Home Care e.V. und im Ricam Hospiz.

Petra Anwar
Alles hat seine Zeit. An ihren letzten Lebenstagen sind Patienten oft nur noch während einiger lichter Momente ansprechbar. Foto: dpa
Alles hat seine Zeit. An ihren letzten Lebenstagen sind Patienten oft nur noch während einiger lichter Momente ansprechbar. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Als ich Peter Rothmann (Name von der Redaktion geändert) zum ersten Mal zu Hause besuche, öffnet mir seine Frau die Tür. Er liegt im Bett und kann sich kaum aufrichten, so stark sind seine Schmerzen. Ich rücke einen Stuhl zu ihm, damit ich ihm in die Augen blicken kann. Er erzählt mühsam und teilweise mit langen Unterbrechungen seine Krankheitsgeschichte. Vor vier Monaten wurde bei dem 57-Jährigen Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, der bereits auf andere Organe übergegriffen hat. Die Klinikärzte können nichts mehr für ihn tun. Er gilt als „austherapiert“. Viel Zeit bleibe ihm nicht mehr.

Bei meinem ersten Besuch ist sich Peter Rothmanns Frau Elke nicht sicher, ob ihre Kräfte ausreichen werden, um ihren Mann in den eigenen vier Wänden zu pflegen. Sie weiß nicht, ob sie wirklich Tag und Nacht für ihn da sein kann, ob er nicht in einem Hospiz oder in einem Krankenhaus besser aufgehoben sei. Ich mache ihr Mut. Wünscht sich nicht jeder, zu Hause bei seinen Freunden und der Familie zu sterben statt in der Anonymität eines Krankenhauses? Viele Angehörige schildern die Zeit der Sterbebegleitung als sehr anstrengend, aber auch als intensiv. Sie kann einem viel geben und macht den Tod, auch den eigenen, zu etwas Natürlichem, vor dem man keine Angst haben muss.

Mit Peter Rothmann spreche ich offen. Ich kann ihn nicht heilen, aber ich kann seine Schmerzen lindern und dafür sorgen, besser zu schlafen.

Als ich nach zwei Stunden die Rothmanns verlasse, habe ich ein gutes Gefühl. Das Ehepaar scheint miteinander im Reinen zu sein. Es hat Freunde, die ihre Unterstützung anbieten.

Elke Rothmann muss auch auf sich aufpassen. Sie braucht auch einmal einen freien Nachmittag. Dabei hilft ihr der ambulante Dienst des Ricam Hospizes. Er kann ehrenamtliche Hospizhelfer vermitteln, die sich um den Sterbenden kümmern. Bei ihnen kann Elke Rothmann auch mal Dampf ablassen, wenn ihr Mann vielleicht manchmal ungerecht wird oder sie das Gefühl hat, überfordert zu sein. Dem Todkranken gegenüber würde sie das nie äußern. Außerdem kommen bis zu dreimal täglich Krankenschwestern von einem ambulanten Pflegedienst, der auf die Versorgung von Sterbenden spezialisiert ist.

Als ich eine Woche später wiederkomme, ist Peter Rothmanns Tochter da. Sie wohnt in München und hat sich von ihrem Arbeitgeber beurlauben lassen, um bei ihrem Vater zu sein. Man merkt förmlich, wie gerührt Peter Rothmann ist. Sonst kam die Tochter höchstens zu Weihnachten. Auch sonst ist sein Zustand stabil. Er hat weniger Schmerzen und ist deutlich entspannter.

Ich habe die Rothmanns inzwischen richtig ins Herz geschlossen. Mit meinen Patienten und den Angehörigen ist es wie im wahren Leben: Mit einigen bin ich sofort auf einer Wellenlänge. Mit anderen habe ich ein normales Arzt-Patienten-Verhältnis. Viele fallen automatisch ins „Du“, wenn wir uns länger kennen. Sterben ist ja auch etwas sehr Intimes. Es hat viel mit Loslassen und Kontrollverlust zu tun. Und man ist verletzlicher.

Mein Handy ist immer angeschaltet und meine Patienten wissen, dass sie mich auch nachts um drei aus dem Schlaf holen dürfen, wenn die Schmerzen sehr schlimm sind oder sonst etwas passiert. Das gibt ihnen und ihrer Familie viel Sicherheit.

Als mich Frau Rothmann das nächste Mal anruft, ist es Sonntagmorgen. Ich sitze mit meinem Mann und meinen drei Söhnen am Frühstückstisch. Eigentlich hatten wir einen Ausflug in den Grunewald geplant. Doch der muss ohne mich stattfinden. Peter Rothmann geht es schlechter. Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen plagen ihn. Die Schmerzmedikamente kann er nicht mehr schlucken. Ich fahre sofort zu ihm und gebe ihm eine Infusion sowie eine Schmerzpumpe, um die Schmerzen sofort wieder zu lindern.

In den nächsten Tagen muss ich häufiger kommen. Die Schmerzen und die Übelkeit sind kein Thema mehr, die Therapie hat gut gewirkt, aber Peter Rothmanns Kräfte schwinden.

Gegen die zunehmende Schwäche gibt es keine Medikamente. Er schläft lange und ist nur noch selten ansprechbar. Es ist ein natürlicher Sterbeverlauf. Ich bereite die Familie auf das Sterben vor, erkläre, dass es am Ende oft zu einer gurgelnden Atmung kommt, weil der Patient den Speichel nicht mehr schlucken kann. Das ist nichts Schlimmes, aber die Angehörigen müssen es wissen, sonst machen sie sich Sorgen. An einem Montagmittag, als ich gerade meine Visite im Neuköllner Ricam Hospiz mache, ruft mich Elke Rothmann an. Ihr Mann ist gestorben, Zu Hause, im gemeinsamen Ehebett. (Aufgeschrieben von Judith Jenner).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!