Zeitung Heute : Vor dem Nudelaug’ flüchten

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

Mein Mädchen hat Heimaturlaub, und das Schöne daran ist: Ich bin dabei. Vier Wochen lang streifen wir schon durchs herbstliche Wien, wir waren am Kahlenberg, wo die schönsten Blätter fliegen, in Grinzing, wo sie die besten Trauben kriegen, und am Zentralfriedhof, wo die tollsten Gräber liegen. Ja, es war nicht wie bisher, als ich meinem Mädchen die Reize der Stadt im Schnelldurchlauf rein hämmern musste, sondern wir hatten Zeit, ewig viel, und ich verabreichte ihr die Stadt in homöopathischen Dosen, auf das sie sickern, sich setzen und dafür umso stärker entfalten können.

Beim Bäcker will sie jetzt eine Semmel, wenn sie Hunger hat, im Wirtshaus verlangt sie ein Obi g´spritzt, wenn sie durstig ist, und wenn ihr in der Stadt ein Mann mit Krawatte, Seitenscheitel und Brille von einem Plakat entgegenlacht, dann sagt sie nicht mehr nur „böser Mann“ (was schon nicht schlecht ist, Anm.), sondern auch „Nudelaug´“ (was noch besser ist, Anm.)

In den vergangenen Tagen hatte sie viel Zeit, ihr Wiener Schimpfwort-Vokabular zu vertiefen, denn das „Nudelaug“ ist überall. Die ganze Stadt ist mit seinem Konterfei zugepflastert, denn morgen ist Wahltag in Österreich, und der Mann mit dem strengen Scheitel ist der Spitzenkandidat einer früher mal ganz großen Partei, die sich morgen möglicherweise wieder zu alter Größe aufschwingen wird.

Das „Nudelaug“ also: Der Ausdruck stammt von einer Freundin, die sich in ihrer Wahlentscheidung noch viel sicherer ist als ich. Das wissen nicht nur sie und ich, sondern mittlerweile auch mein Mädchen. Denn überall, wo ich sie in diesen Tagen in ihrem Kinderwagen hinschiebe, gerät sie in eine politische Diskussion. Man ist gegen rechts, gegen links, für das „Nudelaug“ und gegen ihn, man ist gegen Jörg Haider, nur für Jörg Haider ist niemand, und darum wird seine Partei morgen auch kräftig abstürzen.

Auch meinem Mädchen macht der Wahlkampf Spaß. Wo auch immer sie hinkommt, sie wird beschenkt: Nach einem Shopping-Nachmittag in der Stadt sieht ihr Kinderwagen aus wie ein rollender Kindergeburtstag, so viele Luftballons und Gummibären hat mein Mädchen dann eingesammelt. Und das, obwohl sie ziemlich wählerisch ist – von der Partei des „Nudelaugs“ nimmt sie nichts. Und genau das ist das Problem. Das „Nudelaug“ wird morgen kräftig abräumen. Gut möglich, dass er sogar stärkster wird, eine Koalition mit wem auch immer eingeht und dann unter der noblen Adresse Ballhausplatz 1, dem Sitz des Kanzleramts residieren darf.

Wollen wir das? Mein Mädchen sagt nein. Montagvormittag brechen wir deswegen unsere Zelte in Wien ab. Was sollten wir hier auch länger? Was interessieren ein zweijähriges Mädchen die Blätter des Kahlenbergs oder die Grinzinger Trauben. Und die Toten am Zentralfriedhof, meiner Seel, die sind nicht nur dem „Nudelaug“, sondern auch meinem Mädchen schnurzpiepegal.

Wer am Montag über die österreichische Nationalratswahl diskutieren will, sollte ins Gasthaus „Kürbis“, Ackerstraße 155, Mitte. Dort trifft sich die Austro-Community Berlins – denn montags gibt es dort um wenig Geld ein „All you can eat“-Schnitzelmenü.

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