Zeitung Heute : Vor Ort sein – und bleiben

Wie das Theater o.N. in Hellersdorf Jugendlichen aus bildungsfernen Familien eine Perspektive bietet.

Kindern eine Chance. Das Theater o.N. arbeitet langfristig mit Kindern in Hellersdorf. Foto:© Theater o.N., Foto: Volker Metzner
Kindern eine Chance. Das Theater o.N. arbeitet langfristig mit Kindern in Hellersdorf. Foto:© Theater o.N., Foto: Volker MetznerFoto: veröffentlichung nur gegen honor

Kulturangebote für Kinder und Jugendliche aus problematischen Familien gibt es viele in Berlin. Vom Museumsworkshop bis zum Weihnachtsmarktbesuch. Was aber fehlt, sind Perspektiven von Dauer. Denn wenn die Projekte überhaupt ihre Zielgruppe erreichen, sind sie meist nach ein paar Wochen abgeschlossen. Und was dann? Ania Michaelis, die Leiterin des Theaters o.N., und ihre Mitstreiter haben einen Weg gewählt, der kräftezehrender ist, immer wieder an die Grenze führt. Aber in jedem Fall vielversprechender erscheint. Die Ausgangsidee war, Theater mit Kindern und Jugendlichen aus dem sozialschwachen Bezirk Hellersdorf zu machen. Ein Impuls, der durch einen Vortrag des Pressesprechers der Jugendeinrichtung „Die Arche e.V.“ angestoßen wurde, der auf einem Festival über die verheerende Kinderarmut in seinem Kiez geredet hatte. Der größtmögliche Kontrast zur heilen Welt des kinderreichen Prenzlauer Bergs, wo das Theater o.N. beheimatet ist.

Michaelis, die das kleine Haus an der Kollwitzstraße seit 2010 leitet, begab sich auf die Suche nach Kooperationspartnern und Förderern. Klar war von Beginn an, dass die Arbeit direkt in Hellersdorf stattfinden sollte. Was auch die Schering Stiftung überzeugte. „Unter den vielen Anträgen, die wir im Bereich kulturelle Bildung bekommen, war dies der erste, der die Perspektive der Kinder aus kulturfernen Familien einnimmt“, berichtet Vorstandssprecherin Heike Mertens. Also unterstützte die Stiftung mit 50 000 Euro ein Vorhaben, das zwei Projekte vor Ort und zwei mobile Inszenierungen umfassen sollte, die durch Hellersdorfer Kitas und Schulen touren.

„Wir tun nicht so, als wüssten wir über den Bezirk Bescheid. Wir machen uns erstmal ein Bild“. Das war die Devise des gut aufgestellten Künstlerteams aus den Sparten Schauspiel, Regie, Musik, Pädagogik und Dramaturgie. Ania Michaelis' erster Eindruck vom Kiez: „Was soll hier so schlimm sein?“ Der habe sich allerdings schnell geändert, sagt sie. Den zweiten Eindruck bekamen die Gäste vom Theater o.N. in der Grundschule am Schleipfuhl, wo sie ein offenes Projekt mit Erst- bis Drittklässlern planten – und Zeuge eines traurigen Rituals wurden. Allmorgendlich kamen die Lehrerinnen ins Sekretariat mit Listen abwesender Schüler, die nicht etwa wegen Krankheit fehlten oder schwänzten. Sondern von den Eltern nicht geweckt worden waren und angerufen werden mussten. Die Kinder erschienen dann zur Schule, ohne gefrühstückt zu haben, ohne Pausenbrot. „Da begann ich zu begreifen, dass wir hier unfassbar viel lernen können über die Schere in unserer Gesellschaft“, sagt Michaelis. Drei Monate lang hospitierten die Künstler an der Schule, dann erst begann die Arbeit an dem Stück „Der Teufelsschatz“, das im September 2010 Premiere feierte.

Nicht weniger lehrreich und gewöhnungsbedürftig für alle Seiten verlief das Projekt „Was dann passiert“, das über einen Zeitraum von zehn Monaten mit Jugendlichen in der „Arche“ entwickelt wurde. „Die Utopie war“, so Michaelis, „es kommen 30 Jugendliche, deren Haltung zum Leben wir mit den Mitteln des darstellenden Spiels so verändern, dass sie bewegungs- und handlungsfähig werden“. Die Realität sah anders aus. Nach zähem Prozess blieben schließlich nur vier Jugendliche und eine junge Erwachsene zwischen 13 und 21 Jahren übrig, was eine eins-zu-eins-Betreuungssituation ergab. Doch schon mit dieser kleinen Besetzung war es schwer genug, ausgehend von den eigenen Biografien ein Stück über die sieben Todsünden zu erarbeiten. Es brauchte lange, bis aus fünf aggressiven, verschlossenen Individuen mit ganz eigenen Problemen eine Gruppe wurde. Und es sich ereignete, dass einer hinfiel, und sich ihm vier helfende Hände entgegenstreckten. Anderswo eine Selbstverständlichkeit, hier ein großer Moment.

„Das ganze Spektrum an Empfindungen“ hätten sie in dieser intensiven Zeit durchschritten, erzählt Michaelis. Sinnkrisen inklusive. Momente, die Heike Mertens ausdrücklich begrüßt und als Chance begreift, „neue Ansätze zu finden, in einen Reflexionsprozess einzusteigen“. Niemandem, zuallerletzt den Förderempfängern, sei mit geschönten Berichten voller Platitüden geholfen.

„Was können wir wirklich bewegen?“ Eine endgültige Antwort darauf hat auch Ania Michaelis nicht gefunden. Einig ist sie sich mit Heike Mertens aber darin, dass nur langfristig echte Erfolge zu erzielen sind. Vor Ort sein – und bleiben. Entsprechend wird die Arbeit mit den Jugendlichen zwei weitere Jahre gefördert, ein Novum für die Schering Stiftung, die zuvor vor allem innovative Ansätze gesucht hat. Ein lohnender Einsatz, denn es steht viel auf dem Spiel. „Wir drohen einen Teil unserer Gesellschaft zu verlieren“, warnt Michaelis.

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