Zeitung Heute : Vorauseilende Rache

Schüsse, Tote, Ausgangssperre: Militäraktion gegen die jordanische Stadt Maan

Andrea Nüsse[Maan]

Von Andrea Nüsse, Maan

Scheich Sliman Qabaa zeigt aufgeregt in den großen Versammlungsraum: Alle Fensterscheiben im Erdgeschoss sind zerstört. Die Matratzen, die am Boden als Sitzgelegenheit dienen, liegen wild durcheinander. Ein Rahmen mit einem auf schwarzen Stoff gestickten Koranvers hängt, nur noch von einem Nagel gehalten, schief an der Wand. „Das war der Versammlungsraum meines Stammes“, sagt der alte Mann mit dem Winterumhang aus dunkelbrauner Wolle über dem bodenlangen Gewand. „Dies ist ein Symbol für die Menschen in Maan, so, wie König Abdallah ein Symbol für Jordanien ist. Die Armee hat dieses Symbol zerstört.“ Ein Mann aus der Menge, die den Scheich umringt, geht noch weiter: „Der jordanische Premierminister, der Innenminister, der Informationsminister, der Polizeichef und der Gouverneur sind für die Toten verantwortlich. Sie werden dafür den Blutpreis bezahlen.“

Die massive Militäroperation der Armee in der südjordanischen Stadt, die vor zehn Tagen begann, hat größeren Schaden angerichtet, als die Spuren in dem bescheidenen Versammlungsraum des Stammes vermuten lassen. Sie hat einen Großteil der Bevölkerung des etwa 40000 Einwohner zählenden Städtchens und vor allem die mächtigen Stammesführer gegen die Regierung von König Abdallah II. aufgebracht. Fünf Tage lang standen die Bewohner in Maan größtenteils unter Ausgangssperre, auf der Hauptstraße, erzählen sie, stand ein gepanzertes Fahrzeug hinter dem anderen. Es war der größte Militäreinsatz in Jordanien seit dem Amtsantritt König Abdallahs, manche Beobachter sagen, es sei die blutigste Konfrontation in Jordanien seit dem „Schwarzen September“ 1970 gewesen. Offiziell gab es fünf Tote, darunter zwei Polizisten, 80 Menschen wurden festgenommen.

Als am Freitag erstmals eine Gruppe von Journalisten unter strenger Beobachtung der Sicherheitsdienste nach Maan reisen darf, zieht ein Teil der gepanzerten Fahrzeuge gerade kamerawirksam ab. Doch aufgebrachte Bewohner zerren die Journalisten in Richtung eines Hauses, dessen Fassade mit Einschüssen aus Maschinenpistolen übersät ist. Eine Mauer im zweiten Stock weist Löcher von der Größe eines Fußballs auf: Das Haus wurde von Hubschraubern aus beschossen, sagen die Anwohner, und ein ausländischer Waffenexperte bestätigt dies beim Anblick der Einschüsse. „Die Armee ist hier eingefallen, hat auf die Menschen und Kinder geschossen und Brandbomben abgeworfen“, berichtete Scheich Sliman Qabaa.

Was die Bewohner am meisten aufbringt, ist die offizielle Erklärung der Regierung für die Aktion: Man bekämpfe eine „Bande von Kriminellen“, welche die Bürger von Maan terrorisiert habe. Ihr Anführer sei ein gewisser Abu Sayyaf, der in Waffen- und Drogenschmuggel involviert sein soll. In Maan schütteln viele über diese Begründung den Kopf. Denn hier kennen sie Abu Sayyaf als islamistischen Prediger. Er scheint populär zu sein, aber keine wirkliche Führungsfigur. „Sie verfolgen ihn, weil er betet und der Jugend den Koran beibringt“, sagt seine Mutter Naaem, eine kleine, von Kopf bis Fuß schwarz verhüllte Frau, vor dem Haus ihres Sohnes. Die umstehenden Männer nicken zustimmend.

Mansur Mohammed Abu Tawileh, dem eine Apotheke in der Hauptstraße gehört, hält Abu Sayyaf für einen ungebildeten Mann, dessen Einfluss heillos überschätzt wird. Er versteht nicht, warum man Abu Sayyaf und seine angeblich zehn oder 15 Gefolgsleute nicht einfach festgenommen hat. „Er hat sich nicht versteckt“, erklärt er, „im Gegenteil, mehrmals im Monat bringt er seine querschnittsgelähmte Frau nach Amman ins Krankenhaus.“ Zu seiner Festnahme, zu der es übrigens nie gekommen ist, habe man nicht eine gesamte Stadt besetzen und eine Woche lang unter Ausgangssperre stellen müssen. Das nährt bei den Bewohnern den Verdacht, die Operation habe einen ganz anderen Grund: „Die Regierung hat hier alte Rachegefühle ausgelebt“, glaubt Scheich Sliman Qabaa.

In der Tat ist die Stadt dem Regime ein Dorn im Auge. Erst 1927 wurde sie dem jordanischen Staat zugeschlagen, lange gehörte die Region zum Gebiet des heutigen Saudi-Arabien. Viele Bewohner haben doppelte Staatsangehörigkeit, die Stadt Maan lebt auch vom Schmuggel mit Saudi-Arabien, von dem sie nur ein schwer zu kontrollierendes Wüstengebiet trennt. Auch der Salafismus, die in Saudi-Arabien verbreitete extrem konservative Auslegung des Islam, ist in Maan verbreitet. Auf etwa 100 schätzt ein jordanischer Experte die Zahl der aktiven Islamisten in Maan, die bisher jedoch nicht auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele zurückgegriffen hätten. Vor dem Golfkrieg lebte die Stadt auch vom Handel mit Irak, machten doch die Lastwagen auf ihrem Weg nach Bagdad hier Halt. Das hat sich seit 1991 geändert, die wirtschaftlichen Einbußen aber hat die Regierung nie kompensiert. Deshalb fühlen sich die Leute in Maan von der Zentralregierung in Amman vernachlässigt. So hat sich hier eine explosive Mischung aus starkem Stammestum, Islamismus und Armut herausgebildet, die dazu führte, dass in der Vergangenheit immer wieder Aufruhr von Maan ausging.

Viele Bewohner von Maan haben jetzt das Gefühl, dass die Regierung vor einem möglichen Krieg gegen Irak, den König Abdallah mittragen würde, ein Zeichen setzen wollte. „Wir stehen auf Seiten der Palästinenser und der Iraker“, erklärt der Apotheker Abu Tawileh, „deshalb schlägt die Regierung jetzt auf uns ein.“ Der hoch gewachsene 33-Jährige beteuert mit seiner lauten, tiefen Stimme, dass er Jordanien und König Abdallah liebe. Auf die Frage, ob sich dies durch den Militäreinsatz gegen seine Stadt geändert habe, antwortet er, ohne nachzudenken: „Tote verändern alles.“

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