• Vorbild: Hillary Clinton Sie ist 19 und auf der Titelseite der „Vogue“. Sie kommt aus einer tschechischen Kleinstadt und jettet um die Welt. Warum warnt Karolina Kurkova ihren Bruder, er solle bitte nicht Model werden?

Zeitung Heute : Vorbild: Hillary Clinton Sie ist 19 und auf der Titelseite der „Vogue“. Sie kommt aus einer tschechischen Kleinstadt und jettet um die Welt. Warum warnt Karolina Kurkova ihren Bruder, er solle bitte nicht Model werden?

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Die Tschechin Karolina Kurkova ist eins der begehrtesten und bestbezahlten Models der Welt. In Deutschland ist sie gerade auf dem Cover der ersten Nummer von „Achtung“, einem neuen Stylemagazin aus Berlin zu sehen. Karolina Kurkova wurde am 28. Februar 1984 in der kleinen Stadt Decin nahe der deutschen Grenze geboren. Ein Freund schickte irgendwann Fotos von ihr an eine Prager Modelagentur – der Beginn ihrer Karriere. Hier erzählt sie ihre Geschichte:

Das kannst du nicht machen – du bist ein Mädchen! Diesen Satz habe ich in meiner Kindheit von meinen Eltern nie gehört. Sie wollten, dass ich das tat, wozu ich Lust hatte. Nie haben sie mich getrieben, etwas zu tun, was ich nicht wollte, wie andere Eltern ihre Kinder vielleicht zwangen, Klavier oder Flöte zu spielen. Nie.

Meine Kindheit habe ich in einer kleinen tschechischen Industriestadt verbracht: in Decin. Das ist nahe der deutschen Grenze, es gibt dort ein Schloss und einen kleinen Zoo auf einem Hügel. Sehr früh begann ich Sport zu treiben, weil mein Vater Josef professioneller Basketball-Spieler war. Im Alter von fünf Jahren fing ich mit Ballett an, zwei Jahre später trainierte ich Gymnastik und weitere sechs Jahre später begann ich, Basketball zu spielen. Das habe ich drei Jahre lang gemacht, bis ich 16 war.

Nebenbei spielte ich Theater an einer künstlerisch orientierten Schule. Ich wurde immer in den komischen Rollen besetzt, weil ich für ein Mädchen so unheimlich groß war, lange Beine hatte und mich deshalb von allen anderen abhob. Die Größe war manchmal ein Problem. Einige Jungs sahen mich an, und ihre Blicke sagten: Oh, mein Gott, die ist aber groß – und so dünn! Wenn ich heute nach Decin zurückkomme, ist das natürlich anders. Dann fragen mich die Jungs, die damals so schockiert waren, ob ich einen Kaffee mit ihnen trinken möchte. Ich sage dann: Erinnerst du dich an damals, als ich zu groß für dich war?

Vom Spielfeld auf den Laufsteg

Viel verdanke ich meinem Vater. Er war ein ziemlich bekannter Basketball-Spieler in Tschechien. Später wurde er Polizei-Chef von Decin – er war also die ganze Zeit beschäftigt. Aber trotzdem fand er immer Zeit, mit uns zu spielen, mit meinem Bruder, meiner Mutter und mir. Wenn er ein Spiel hatte, sind wir alle aufs Feld gelaufen und haben geschrien. Später, als ich anfing zu spielen, haben sie geschrien.

Dadurch lernte ich früh, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wenn Sie so wollen, habe ich meine Kindheit zum größten Teil auf einem Spielfeld verbracht. Ich war daran gewöhnt, dass mich Leute beobachteten. Aber der Unterschied zwischen einem Spielfeld und einem Laufsteg ist, dass Menschen dich nicht wegen deiner Performance beobachten, sondern wegen deines Looks beurteilen. Das ist anders. Und härter.

Im Alter von 16 Jahren begann ich zu modeln. Zuerst bemerkte ich jene Blicke nicht. Das kam später. Ich machte mir keine Gedanken, ob ich nur wegen meines Aussehens verpflichtet wurde. Sicherlich war das teilweise so. Ich verkörpere einen bestimmten Typ Frau: sehr groß, lange Beine, blond, blaue Augen. Als Sexbombe sehe ich mich aber noch lange nicht. Es kommt auf die ganze Persönlichkeit an. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten musste, merkten, dass ich lustig sein konnte, charismatisch, nicht so langweilig. Das war wichtiger.

Ich denke, bei uns in Tschechien gibt es eine größere Gleichberechtigung als in anderen Ländern Westeuropas. Vielleicht war es die Erfahrung des Sozialismus – die Leiden, die man teilte. Dadurch wurden wir zusammengeschweißt. Es gab größere Achtung füreinander. Da finde ich, sind wir anderen Ländern voraus. Frauen müssen nicht immer Hausfrauen sein. Ich sage nicht, das gab oder gibt es nicht bei uns. Aber es war nicht so stark. In Tschechien beobachte ich einen Trend: Frauen – und besonders junge Frauen – steigen langsam in gehobene Positionen auf. Dieses Vertrauen in sich selbst hat sich langsam in der Vergangenheit aufgebaut und bricht nun durch. Das hat auf jeden Fall noch mit den Erfahrungen des Krieges und danach zu tun. Die Frauen merkten, dass sie arbeiten und ohne Männer Kinder erziehen konnten. Damit will ich nicht sagen, dass wir ohne Männer leben wollen, aber wir können unabhängiger sein als Generationen vor uns. Wir tun nun, wovon wir träumen.

Die unerbitttliche Hillary

Denken Sie an Frauen in der Politik. Sie zählen endlich, man respektiert sie, die Menschen setzen sich mit ihnen auseinander. Jemand wie Hillary Clinton ist eine tolle Frau. Wie sie den Lewinsky-Skandal durchgestanden hat, finde ich bewunderungswürdig. Sie stand die gesamte Zeit an der Seite ihres Mannes. Sie ist gestärkt aus ihm hervorgegangen. Sie kämpft für ihre Sache mit Unerbittlichkeit. Ich habe einmal eine Rede von ihr auf einer Aids-Benefiz-Gala gehört. Das war beeindruckend. Ich bin mir im Klaren, dass sie sicherlich mehr Hürden überwinden muss als Männer. Aber es wird besser. Es ist ein guter Start. Es sollten nur mehr Frauen wie Hillary Clinton in die Politik gehen.

In der Popmusik hat keine andere so sehr wie Madonna unsere Meinung von Frauen verändert. Sie ist seit den 80ern erfolgreich, steht mit jedem Album auf Platz eins – und hat zwei Kinder. Was sie trägt, irgendein Kleid oder Accessoire, wird ein riesiger Erfolg. Sie hat die moderne Frau stark beeinflusst: auch mit ihren Sex-Büchern. Damit sagt sie nur, dass man sich nicht für seine Sexualität zu schämen braucht. Sei anders und lebe es!

Ich habe leider die Video Music Awards verpasst, aber wirklich jeder hat mir von Madonnas Auftritt erzählt. Als ich die Bilder sah, wie sie Britney Spears geküsst hat, dachte ich: Das ist großartig! Sie hat wieder eine Grenze überschritten. Frauen, die sich live im Fernsehen küssen – und das in den USA. Wow! Das war der beste Moment der ganzen Show. Danach hätte jeder nach Hause gehen können.

Wie jemand wie sie unsere Sexualität befreit hat, sah ich, als wir am berühmten Pirelli-Kalender arbeiteten. Wir hatten die Vorgabe, weibliche Fantasien von prominenten Frauen in Szene zu setzen, zum Beispiel von Isabella Rossellini, Catherine Deneuve und Björk. Der Fotograf war Bruce Weber. Es gab keine Nacktaufnahmen. Die Vorstellungen der Frauen klafften dabei weit auseinander: ein Engel, der den Teufel küsst, schwangere Frauen, die Sex hatten – und Frauen, die Sex mit einem Pferd hatten. Ich hatte keine Ahnung, wie weit Fantasien gehen können. Das war fast schlimmer als bei Männern! Es hat mich ein wenig geschockt.

In der Männer-Mode gibt es dagegen den Trend, dezenter zu sein. Man setzt so genannte feminine Ideen um. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Menge Designer benutzen nun Pastellfarben, so ein cremiges Pink. Das ist eine ziemlich weibliche Farbe. Außerdem arbeiten einige Modeschöpfer jetzt viel mit Blumendrucken – im Grunde etwas sehr Mädchenhaftes. Oder Handtaschen für Männer! Normalerweise sieht man sie mit einem Koffer oder einer Sporttasche in der Hand, aber mit einer Handtasche über der Schulter? In New York kann man das erleben.

Persönlich mag ich Männer, die nicht immer gut angezogen sein müssen. Wenn ich aufwache, und er steht schon im Anzug neben mir – das wäre zu viel. Er sollte einen guten Geschmack haben, gepflegt sein und wissen, wie man sich zurecht macht. Aber das Wichtigste an einem Mann ist sein Sinn für Humor, nicht sein Körper. An einem äußerlichen Idealbild bin ich nicht interessiert. Wenn einer sagen würde: „Wasch mal mein Hemd“, kann ich nur sagen: „Ich bin doch kein Hausmädchen!"

Ich bin daran gewöhnt, hart zu arbeiten. Am Ende des Tages habe ich kaum Zeit für mich selbst. Trotzdem habe ich Glück. Ich lebe in New York und mache diesen aufregenden Job. Jemand hält seine schützende Hand über mich. In meiner Position kann ich allen zeigen: Es ist egal, wie alt du bist und was du bist – hab keine Angst! Nutze dein Talent! Denken Sie daran: Ich bin erst 19, noch immer ein Teenager! Ist es nicht großartig, jungen Menschen zu zeigen, dass sie nicht ängstlich sein müssen? Ich will sie, und besonders Frauen, ermutigen, sich auszuprobieren.

Sprechen wir noch mal über Männer und Mode. Kürzlich gab es ein Bild von meinem Bruder und mir in der „Vogue". Jetzt kursiert das Gerücht, er würde ins Geschäft einsteigen. Aber das würde er nie tun. Das war ein besonderes Shooting, das wir zusammen gemacht haben. Er fand es lustig, aber das ist nicht seine Welt. Ich möchte das auch gar nicht. Männer sollten einen Männer-Job machen. Modeln ist keine Arbeit für Männer. Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, es stört meine Vorstellung von Männlichkeit. Außerdem würde er nicht so viel verdienen. Weibliche Models verdienen mehr. Ist das fair? Ich kann das nicht beantworten. Wir entscheiden das nicht. Der Verbraucher tut das am Ende – und offensichtlich gibt es ein größeres Bedürfnis, weibliche Models zu sehen.

Das Modeln wird für mich nicht das Ende von allem sein. Möglicherweise gehe ich in eine Richtung, die ich vor der Karriere als Model bereits eingeschlagen habe. Was es genau sein wird? Das wird eine Überraschung. Für mich zählt erst einmal, dass ich glücklich und gesund bleibe, egal was kommt.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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