Zeitung Heute : Vorbild sein

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Wie die Kesselflicker können Jan und Josefine sich streiten, am liebsten um das Spielzeug des anderen. Sobald Jan mit dem Bobbycar durch die Wohnung donnert, will auch die Zwillingsschwester damit fahren. Genauso umgekehrt: Spielt Josefine gerade mit dem Puppenwagen, meldet sogleich der Bruder Begehrlichkeiten an. Auch wenn die beiden nicht mehr kategorisch „meins!“, sondern, beflügelt durch die Sprachschatzerweiterung, „tauschen!“ brüllen, so läuft’s doch bald auf dasselbe Zeter und Mordio hinaus.

Miniaturdramen spielen sich Tag für Tag im Kinderzimmer ab: Gezerre, Gekreische und am Ende Geheule. Nur mit Mühe halten wir Eltern uns da raus. Konfliktbewältigung gehört nun mal zum kindlichen Lernprogramm. Und wie in einer richtigen Schnulze vertragen sich die Geschwister hinterher doch immer wieder. Solche Momente – Josefine putzt ihrem vormaligen Gegner die Schniefnase, und er legt versöhnlich den Arm um sie – trösten das elterliche Publikum.

Die beiden bieten schönstes Anschauungsmaterial für die Höhen und Tiefen einer Paarbeziehung. Beklommen fragen wir uns da so manches Mal: Woher haben die dreijährigen Knirpse das nur? Vorbild zu sein, hat etwas Unheimliches – wie neulich auf einer Hochzeitsfeier. Kaum walzten wir Großen über das Parkett, gesellten sich auch schon Jan und Josefine hinzu, Hand auf Schulter, Arm um Taille, als wären wir’s selber im Kleinformat. Die Hochzeitsgesellschaft war hoch entzückt – ich aber musste seltsamerweise an Siegmund und Sieglinde denken, die Zwillinge aus Thomas Manns „Wälsungenblut“. Die beiden bildeten füreinander das perfekte Paar, was – milde ausgedrückt – etliche Komplikationen zur Folge hatte.

Natürlich habe ich mich sogleich zu Räson gerufen. So ein Blödsinn, sollen Jan und Josefine doch erst einmal größer werden und sich so lange um Bobbycar und Puppenwagen raufen, versöhnen, tanzen, spielen. Also, bitte keine Projektionen, egal ob von den Großen oder Kleinen! Und doch ein frommer Wunsch nur, bis zum nächsten Mal.

Weitere viel versprechende Vorbilder in der Weltliteratur finden sich in der Anthologie „Zwillinge“, herausgegeben von Karl und Friedrich Kröhnke, insel taschenbuch, 9 Euro.

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