Zeitung Heute : Vorbilder suchen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Es ist bedenklich, wenn ein junger Mensch ausgerechnet für den FC Bayern München schwärmt. Bei einem Basler besonders. Doch als ich klein war, trug ich Tag und Nacht mein knallrotes Bayern-Shirt. Auf dem Rücken hatte mir meine Patentante die Nummer 11 aufgenäht. Ich wollte Kalle Rummenigge sein.

Rummenigge, den ich aus dem „Aktuellen Sportstudio“ kannte, bewunderte ich für sein Dribbling und den eisenharten Schuss. Sein Team-Kollege Paul Breitner hingegen hatte eine bessere Frisur; er war mein intellektuelles Vorbild. Die Aphorismen aus Breitners Buch „Ich will kein Vorbild sein“ (Copress-Verlag, 1980), habe ich häufig zitiert. Zum Beispiel: „Elf Freunde müsst ihr sein – so ein Blödsinn!“ Sein radikales Verweigern der Vorbild-Rolle fand ich extrem vorbildlich.

Später wurde Rummenigge Funktionär und Breitner „Bild“-Kolumnist. Alles andere als vorbildlich! Seither kann mir der FC Bayern gestohlen bleiben.

Ich entschied mich für den FC Basel, klar. Doch wenn ich heute an diese Mannschaft denke, kriege ich sofort Heimweh. Als professioneller Neu-Berliner muss ich den Schweizer Fußball daher konsequent ignorieren. Seit Monaten versuche ich, Hertha BSC zu lieben. Aber ich schaff’ es einfach nicht! Huub Stevens war ja rührend. Typisch Hertha, dass sie ausgerechnet den raus geworfen haben!

Wer mir noch größere Sorgen macht, ist allerdings mein kleiner Neffe Noah. Was wird der mal für Idole haben? Michael Ballack? Olli Kahn?

Zum Glück habe ich Christian Raschke getroffen. Dieser coole Typ hat neulich den ersten FC St. Pauli-Fanshop von Berlin eröffnet. In meiner Seele wurden tief verschüttete Erinnerungen wach: Vor Jahren sah ich im Münchner Olympiastadion Bayern-St. Pauli. Die Hamburger haben natürlich verloren. DreizuNull, mindestens. Aber die Pauli-Fans waren göttlich: „Und schon wieder keine Stimmung, FCB!“, verspotteten sie die Bayern-Anhänger, und sie feierten, als seien sie gerade Weltmeister geworden. Wie konnte ich diesen Fußballclub bloß vergessen?

Christian Raschke, 47, trägt ein schwarzes Kapuzenshirt mit Totenkopf. Auf seiner Ladentheke liegen St. Pauli-Zigaretten: schwarze Packung mit Totenkopf und Knochen. Der Mann flößt Vertrauen ein. Den Vorwurf, ein Erfolgs-Fan zu sein, kann man ihm jedenfalls nicht machen: „Eigentlich bin ich gebürtiger Bremer“, sagt er verschämt. – Für Laien: Werder Bremen ist derzeit der Gustav Gans des Deutschen Fußballs und St. Pauli im besten Fall Donald Duck.

Wo spielt St. Pauli eigentlich gerade? „Regionalliga, 7. Platz“, sagt Raschke mit ernster Miene. Trotzdem laufe der Fan-Shop gut: „Neulich hat ein Brasilianer bei mir eingekauft!“ Ob das Marcelinho war?

Dann zeigt mir Raschke seine Baby-Kollektion: Bei den Lätzchen und Schnullern wurde auf das Totenkopf-Symbol verzichtet. Stattdessen ist das Millerntor zu sehen und der hübsche, braune Schriftzug. „FC St. Pauli 1910“. Gebongt! Zu seinem 1. Geburtstag schenke ich Noah ein St. Pauli-Lätzchen. Keine Macht dem FC Bayern!

Fantastic, FC St. Pauli Fanshop, Oranienstr. 29, 10999 Berlin-Kreuzberg, Mo - Fr 10 -19 Uhr, Sa 10 - 14 Uhr, Tel. 61101332.

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