Zeitung Heute : "Vorbildliche Campingplätze": Weg vom Arme-Leute-Mief

Horst Schwartz

Vom Arme-Leute-Mief der Gründerjahre haben sich viele von Deutschlands 5800 Campingplätzen meilenweit entfernt. Spitzenplätze werden geführt wie moderne Hotels, stehen diesen im Restaurant- und Sanitärbereich kaum nach, bieten Animation und Programme für jede Altersstufe und sind Vorreiter beim Umweltschutz. Das belegt der 7. Bundeswettbewerb "Vorbildliche Campingplätze 2000", dessen Sieger jetzt bekanntgegeben wurden.

Zehn Gold- sowie je elf Silber- und Bronze-Preisträger wurden bei dem vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Deutschen Tourismusverband (DTV) ausgeschriebenen Wettbewerb ermittelt. In die Bewertung kam nur, wer Sieger in einem der vorgeschalteten Landeswettbewerbe geworden war. Zwei Preisträger stammen aus Brandenburg: Der Campingplatz Sanssouci-Gaisberg am Templiner See (Bronze) und das Eurocamp Spreewaldtor bei Lübben (Gold).

Die Preisträger sind, jeder auf seine Art, Trendsetter. "Vorbildliche Campingplätze" müssen sich, wie es etwas schwerfällig in den Bewertungskriterien heißt, "baulich und ökologisch in das Siedlungsgefüge und die Landschaft einfügen". Besonders gut ist das im Campingplatz Königskanzel im Schwarzwald (Bronze) gelungen: Er ist harmonisch in einen stillgelegten Steinbruch eingepasst, auf den Seitenwänden des Campingplatzes weiden Schafe. Die ordnungsgemäße Wertstofftrennung gehört auf den Campingplätzen von heute zum Standard. Um auch die kleinsten Gäste zum Mitmachen bei der Mülltrennung zu motivieren, sind im Südsee Camp in Wietzendorf in der Lüneburger Heide (Gold) entsprechende Schilder mit Piktogrammen aufgestellt.

Betreiber vorbildlicher Campingplätze wissen, welche Gäste ihren Platz besuchen, kennen die Bedürfnisse der einzelnen Zielgruppen und stimmen ihr Angebot bewusst auf diese ab. Sie vermeiden Konflikte zwischen den verschiedenen Gästegruppen. So hat es sich bewährt, Jugendlichen einen eigenen Platz fern der ruhesuchenden Gästen zuzuordnen. Auf dem Campingplatz Gunzenberg/Pöhl im Vogtland (Bronze) finden sie sogar eigene Parkplätze, und auch die großen Sport- und Freizeitflächen grenzen direkt an den Jugendplatz. Die meisten Preisträger haben sich auch vorbildlich auf die Bedürfnisse von Wohnmobilisten eingestellt: Ihnen werden separate Standplätze mit eigenen Ver- und Entsorgungs-Anlagen zugewiesen.

"Es gibt wohl kaum eine Branche, die sich in den vergangenen Jahren so radikal verändert hat, wie die des Campingtourismus", betont Peter Ahrens vom Neuen Verband der Camping- und Freizeitpark-Betreiber in Deutschland: Das Gros der Campingtouristen von heute erwartet ein Höchstmaß an Komfort. "Aufgefallen ist, dass sich viele Unternehmer inzwischen wieder von den Münzautomaten für die Duschen verabschieden haben, weil dies nicht den Komfortansprüchen ihrer Gäste entspricht", stellt Anja Maschewski vom Institut BTE Tourismusmanagement, Regionalentwicklung fest, das für den DTV die Ergebnisse des Campingplatz-Bundeswettbewerbs zu einer Dokumentation verarbeitet hat. Interessant ist, dass sich der Jahreswasserverbrauch nach Abschaffung der Münzautomaten nicht wesentlich erhöht hat.

Aufenthaltsräume für schlechtes Wetter und Veranstaltungen jeder Art gehören zum Standardangebot vorbildlicher Campingplätze. Das Freizeitcenter Oberrhein (Silber), das zwischen Schwarzwald und Vogesen am Rhein liegt, hat für Veranstaltungen eigens ein Zirkuszelt aufgestellt.

Da auf einem modernen Campingplatz der Kunde König ist, heben sich vorbildliche Campingplätze durch Zusatzleistungen von den Konkurrenten ab und gewinnen so ihr Stammpublikum. Der Verleih von Fahrrädern, Kanus, Spielgeräten, Bollerwagen, Kettcars bis hin zu Camping-Grundausrüstung ist bei den meisten Preisträgern bereits Selbstverständlichkeit. Andere bieten einen Shuttle-Service vom Bahnhof oder zu Ausflugszielen, Medikamenten-Service, Bankautomaten und vieles mehr. Auch flexible Zahlungsmittel wie EC-Karte oder Schecks gehören zum Serviceangebot. Maschewski: "Alle Preisträger mit klaren Organisationsstrukturen sowie Konzepten für Betrieb und Management haben eindeutig besser abgeschnitten, als Plätze mit Verwaltungsstrukturen." Kurz: Der Sprung zum Unternehmen ist ein klarer Erfolgsfaktor für die meisten Plätze. "Solche Plätze heben das Image der Branche", merkte Jürgen Linde, Präsident des DTV, bei der Preisverleihung an.

Am Image der Branche hapert es. Linde, selbst aktiver Camper: "Der Campingtourismus wird viel zu wenig beachtet." Dabei ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Er bringt 140 Millionen Übernachtungen in die deutsche Tourismusbilanz ein und einen Bruttoumsatz von 6,5 Milliarden Mark.

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