Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über "Die folgende Geschichte"

Ein Mann schläft am Abend in Amsterdam ein und wacht am nächsten Morgen in Lissabon auf: So beginnt "Die folgende Geschichte" des holländischen Schriftstellers und Reiseschriftstellers Cees Nooteboom (von 1991), und es ist in der Tat eine seltsame Reise, eine Reise in jenes Land, "aus dem kein Wanderer wiederkehrt" (Hamlet) und aus dem uns nur Schriftsteller Berichte liefern können. Nooteboom hat seinem Roman, seiner Erzählung ein Motto von Theodor W. Adorno vorangestellt, in dem von der "Scham" die Rede ist "metaphysische Intentionen unmittelbar darzustellen". Nooteboom hält sich an diese Scham: Er erzählt während einer seltsamen Überfahrt - sie führt über den Atlantik zur Amazonasmündung, eine grandiose Metamorphose des Lethe-Flusses der antiken Mythologie - Geschichten von Auswanderern in den Hades.

Ein chinesischer Literaturwissenschaftler, ein amerikanischer Flugkapitän, ein Junge aus Spanien, ein Benediktinermönch aus Italien, ein englischer Journalist - sie alle erzählen, befreit von Raum und Zeit, auf ihrer letzten Fahrt, wie es zu dieser letzten Reise gekommen ist: Es sind Geschichten, in denen das Leben sich im Moment des Sterbens erfüllt, in denen es kulminiert, und sich gleichzeitig, sinnlos und spurlos, auslöscht. Vor allem aber die "folgende Geschichte", die eines ehemaligen Lehrers und Reiseführer-Verfassers, der im Gymnasium eine Lieblingsschülerin hatte. Sie wiederum war die Geliebte eines Sportlehrers, und der hässliche Held, als Altphilologe "Sokrates" genannt, hatte, als "Abfall" dieser verbotenen Affäre, eine Liebesgeschichte mit einer Kollegin, der Frau des sportlichen Konkurrenten. So etwas vollzieht sich kläglich, lächerlich, schmerzlich und endet für das junge Mädchen bei einem Verkehrsunfall tödlich. Nun, bei der letzten Reise kann der traurige Held die Vergangenheit wieder einholen - aber ein Trost ist das nicht.

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