Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über die "Gründerzeit"

Vielleicht ist die "Gründerzeit" (die Berliner Jahre nach dem gewonnen deutsch-französischen Krieg von 1870 / 71, als in die Hauptstadt des geeinten Deutschland die Milliarden aus den Frankreich auferlegten Kriegskontributionen flossen und einen Boom auslösten) den jetzigen Berliner Jahren - wieder herrscht Aufbruchstimmung - nicht ganz unähnlich. Es gibt eine auftrumpfende Geselligkeit, Feiern, Feste, es gibt protzige Neubauten von Neureichen und es gibt die Ellbogen-Sehnsucht, nach oben zu kommen, oben zu bleiben.

Jedenfalls ist es die Zeit, die Theodor Fontane in seinem Roman "Frau Jenny Treibel" (1892), dem "berlinischsten" unter allen seinen Werken, mit realistischer Ironie und einem durchaus freundlichen Sarkasmus festhielt. Die Titelheldin, eine geistig robuste, von der Erscheinung elegante Mitfünfzigerin, die im Hause ihres (neu)reichen Mannes die Feste feiert, wie sie fallen, schwärmt zwar davon, dass ihre wahre, weil poetische Liebe ihrem Jugendfreund, dem Professor Willibald Schmidt gehört, aber als dessen zielstrebige Tochter Corinna sich ihren Sohn und Erben, einen Schmächtling und Schwächling, krallen will, zeigt auch sie die Krallen und verhindert die Heirat des Sohnes mit der mittellosen Corinna Schmidt.

Der Roman, der nur andeutet, was die Männer bei Zigarren plaudern und die Frauen im Salon schwärmen, hält den deftigen Geist der Zeit fest - die Kapitalistengesänge der Aufsteiger. Kein Wunder, dass dieses klassenkritische Werk Fontanes in der DDR weit beliebter war als des großen Berliner Erzählers konservativer Stechlin. Bei allem distinguierten Witz: Fontane schreibt in der Corinna auch ein Porträt seiner Tochter.

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