Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über die "Reise ans Ende der Nacht"

Er war Armenarzt in einem der Elendsviertel von Paris, er war Kommunist, bevor er Faschist wurde: Louis-Ferdinand Céline (der eigentlich Destouches hieß) hatte 1932 einen der großen bösen Romane seiner Epoche veröffentlicht: "Reise ans Ende der Nacht", ein krakeelendes Buch über die trostlose (Lebens-)Reise des Arztes Bardamu (des Alter Ego Célines) durch die Schlachtereien des Ersten Weltkriegs, durch das Elend der französischen Kolonien, durch die Auswüchse des Kapitalismus in Amerika und durch die Öde der Pariser Vorstädte. Als die Nazis Frankreich okkupierten, wurde er einer ihrer willfährigsten und störrischsten Kollaborateure: Selbst Ernst Jünger in seinen Erinnerungen ist erschrocken über Célines sinnlos wütenden Antisemitismus. 1944 musste Céline vor den anrückenden Alliierten (den Amerikanern, Engländern und den Truppen De Gaulles) fliehen: Mit der Vichy-Regierung (den Nazi-Kollaborateuren wie Laval und Brinon) kam er nach Sigmaringen auf das Schloss der Hohenzollern. In seinem (autobiografisch gefärbten) Roman "Von einem Schloss zum andern" schildert er in einer Stakkato-Prosa mit vielen Auslassungspunkten höhnisch und betroffen das Chaos des Kriegsendes und das Elend der Nazi-Sympathisanten: In der Geschichte der Demütigungen, Eitelkeiten, Verzweiflungen ist er, in intriganten Lagern und düsteren Eisenbahnzügen immer dabei: ein Hofnarr an einem grotesk untergehenden Hof. Auch mit diesem Roman von 1954 erschrieb sich der widerborstig eklig-aufrichtige Autor seinen weltliterarischen Rang.

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