Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Iwan Gontscharows "Oblomow"

Es ist schon wahr: Satirisch zeitkritische Romane verwelken rascher als andere Erzählwerke. Und so ist Iwan Gontscharows Roman "Oblomow" (wir brauchen heute auch nicht mehr zu wissen, wenn wir ihn lesen, dass er Teil einer Roman-Triologie ist) von 1859 sicher in vielem zeitgenössisches, also zeitgebundenes Kabarett; die Anspielungen auf die zaristische Beamtenhierarchie mit ihren Höflichkeitsfloskeln, ihrem bürokratischen Leerlauf, ihrem System gekitzelter und gedemütigter Eitelkeiten; oder die Satire auf die zeitgenössischen Schriftstellerkollegen Gontscharows, der Streit um Symbolismus, Realismus, poetische Verklärung.

Geblieben aber ist der Roman des Gutsbesitzers Oblomow, der fern von seinem verkommenden Landgut (das einst der Stolz der Gegend war) in Petersburg unfähig ist, auch nur sein Bett zu verlassen: Oblomow, das wurde zum Begriff einer unendlichen Trägheit, wie sie die russische Seele im 19. Jahrhundert erfasst hatte; eine Krankheit, die, wenn nicht zum Tode, dann zum tödlichen Nichtstun führt. Selbst wer den Oblomow nicht kennt, begegnet seinen sublimierten Nachfahren in den Gestalten Tschechows, Tolstois, Dostojewskis.

Oblomow, der, rund dreißig Jahre alt, vor dem Leben kapituliert hat, dessen leibeigener Diener Sachar sein Pendant ist (wie Sancho Pansa zu Don Quijote), verliert auch die jugendlich tatkräftige Olga und ihre Liebe - sie läuft zu dem tatkräftigen Kaufmann Stolz über. (Gontscharow kritisiert in Wahrheit stärker als die Trägheit seines zum tätigen Leben unfähigen Helden die Welt, die Oblomow umgibt: Der Leser denkt immer wieder, so sehr er den tagträumenden Helden verachtet, dass sich das eitle, schnöde und dumme Treiben, das Oblomow umgibt, in der Tat zur Teilhabe nicht lohnt. Oblomow wird auf diese Weise zum komischen Vetter Hamlets.

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