Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten"

Weil der verheiratete Broker seine ebenfalls verheiratete Geliebte am Abend heimlich vom Kennedy-Airport nach ihrem Europaflug abholt, und weil er sich auf der Fahrt zurück ins heimatliche Manhattan verfährt - er landet in einer finsteren, verslumten Bronx -, kommt er in Teufels Küche: Er stürzt aus dem Glanz und Glitter der New Yorker Aufsteiger-Society in das nackte Elend der Schande und Armut, verliert seinen lukrativen Job, verliert Frau und Kind und all die gesellschaftlichen Verbindungen und Vorteile, die das Amerika der Reichen und Schönen zu bieten hat. Tom Wolfes 1987 erschienener Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten", ein weltweiter Bestseller, der von vorneherein filmträchtig war, verleugnet zweierlei Wurzeln des modernen Romans nicht: Diese Gattung des Erzählens entstammt der Hintertreppe, der Kolportage (siehe bereits Balzac); und sie ist von vorneherein eine moralische Veranstaltung, ein Purgatorium, die moralische Reinigung eines verdorbenen Helden in einer verdorbenen Gesellschaft, die ihn sich, mit heuchlerischer Empörung, vom Halse schafft, zum Opfer darbringt (siehe ebenfalls Balzac). Der Held, ein sympathischer Schwächling mit den gut funktionierenden Talenten des Aufsteigers, fällt ins Bodenlose, verliert all die ridikülen Statussymbole der Wohlstands-Snobiety. Die Gesellschaft zeigt, während sie ihn erledigt, dass sie nichts zusammenhält als ihr Talmi-Glanz: Weil er beim Seitensprung für seine Geliebte Fahrerflucht begeht, fallen alle von ihm ab, und ein abgetakelter Journalist sowie ein karrierebesoffener schwarzer Bürgerrechtsbewegungsdemagoge treten ihn hinunter, um hinauf zu kommen: ein erzähltes morality play.

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