Zeitung Heute : Vorgetäuschte Probleme

Der Tagesspiegel

Von Benedikt Voigt

Da gibt es den Hörfunkreporter, der bis nach Salt Lake City reiste, um doch nicht vor Ort zu sein. Für die Hörer eines deutschen Privatradiosenders sollte er von den Olympischen Winterspielen berichten, doch oftmals saß er mindestens 50 Kilometer von der Wettkampfstätte entfernt im Main Media Center. Sein Sender besaß keine Rechte, weshalb es ihm verboten war, live von den Spielen zu berichten. Der Reporter aber setzte sich über das Verbot hinweg, indem er in einer dunklen Ecke des Pressezentrums eine Live-Berichterstattung simulierte - vor dem Fernseher.

So kann die Wirklichkeit eines Sportberichterstatters auch aussehen. Die Kommerzialisierung des Mediensports in den vergangenen 15 Jahren teilte die Fernseh- und Hörfunkjournalisten in zwei Klassen ein: Mit und ohne Rechten. Dies dürfte die schwerwiegenste Veränderung für die Arbeit der Sportjournalisten sein, deren Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) am Montag in Berlin sein 75-jähriges Bestehen feierte.

„Unsere Aufgabe ist die kritische und kontrollierende Begleitung des Sportes in allen Facetten“, hatte VDS-Präsident Erich Laaser bei der Festveranstaltung gesagt. Doch Kontrolle und Kritik sind so eine Sache, wenn eine Sportart ein Produkt ist, das verkauft werden soll. In der VDS-Festschrift wird Willi Lemke zitiert, der ehemalige Manager des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen: „Ein Kommentator wie Jörg Wontorra hat uns bei Radio Bremen ewig Kopfschmerzen bereitet mit seiner provokanten, kritischen Nachfrage. Der gleiche Jörg Wontorra ist heute bei Sat 1 der Sonnyboy der Fernsehzuschauer, weil er den Fußball positiv darstellt.“

Das viele Geld aber, das Leo Kirchs Senderfamilie für die Rechte an der Formel 1 und der Fußball-Bundesliga gezahlt hat, ist nun auch für die Probleme der Branche verantwortlich. Die Journalisten der Sender DSF und Premiere müssen aufgrund der Kirch- Krise um ihre Arbeitsplätze fürchten. In der Konkurrenzsituation des Dualen Rundfunksystems ist der Sport zu einem wichtigen Teil der Unterhaltungsindustrie aufgestiegen. Im Jahr 2000 gaben 89 Prozent aller Deutschen an, sportinteressiert zu sein. Sechs Jahre zuvor hatten sich nur 74 Prozent dafür interessiert. Die Exklusivrechtevergabe in Sachen Sport beeinflusst auch die Arbeit der Zeitungsjournalisten. Oftmals müssen sie Originaltöne aus dem Exklusivsender übernehmen, weil Sportler nur dort Auskunft geben.

Der Privatradioreporter aber in Salt Lake City sollte eine Ausnahme bleiben. Bei ihm fiel ausgerechnet vor dem entscheidenden Sprung im Skispringen das Fernsehbild aus. Verzweifelt versuchte er seine Live-Reportage zu strecken. Als Deutschland im öffentlich-rechtliches Fernsehen schon gewonnen hatte, erzählte der unglückliche Live-Reporter immer noch von der Vorbereitung zum letzten Sprung. Am Ende brach er seine Übertragung ab. „Ich habe ein Sendeproblem vorgetäuscht.“

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