Zeitung Heute : Vorhang zu, keine Fragen offen

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Von Gregor Dotzauer

Keiner zu sprechen, hieß es am Mittwoch um halb elf aus der Telefonzentrale des Suhrkamp Verlags: Wir haben eine Betriebsversammlung. Aber wer den Suhrkamp Verlag über der Debatte um die Veröffentlichung von Martin Walsers Schlüsselroman aus dem deutschen Literaturbetrieb schon zerbrechen sah, musste nicht lange bangen. Wenig später ruckelte aus den Faxgeräten der Redaktionen eine Pressemeldung, deren Nüchternheit die Hysterie der letzten Tage erst einmal beendet. „Der Suhrkamp Verlag“, steht darin, „hat sich trotz kontroverser Diskussionen und Bedenken, die im Haus bestehen, entschlossen, den Roman Tod eines Kritikers von Martin Walser am 26. Juni zu veröffentlichen.“

Mehr als den vollständigen Text der Erklärung bekamen auch die Mitarbeiter in der Frankfurter Lindenstraße nicht zu hören. Verlagsleiter Günter Berg, der den kranken Siegfried Unseld vertritt, las vor, was eigentlich als selbstverständlich gelten müsste: „Der Verlag ist immer wieder Forum für große Debatten: Erinnert sei an die der letzten Jahre um Peter Handke, um Peter Sloterdijk sowie die zwischen Ignatz Bubis und Martin Walser. Der Verlag hält an dieser Tradition auch fest, nachdem die Anklage des leichtfertigen oder böswilligen Umgangs mit antisemitischen Klischees gegen Walser erhoben wurde.“ Und weiter: „Die politische Konstellation, in welche Walsers Manuskript geraten war, hat seine erste Rezeption mit Vor-Urteilen belastet, die der Verlag, bei allem Respekt für das Gewicht der Einwände und ihre Motive, für überzogen hält. Unter diesen Umständen tut der Verlag, was er seinem Autor und der Öffentlichkeit schuldig ist: Er publiziert den Roman, in der von Martin Walser verantworteten Textform.“ Fall erledigt. Zurück an die Arbeit.

Die Reaktion der beiden Hauptbetroffenen folgte auf dem Fuße. Über dem Bodensee strahlte die Sonne gleich ein bisschen kräftiger, als Martin Walser im heimischen Nußdorf erklärte, die Entscheidung sei „ein Grund zur Freude“. Künftig keine weiteren Kommentare.

Und obwohl Marcel Reich-Ranicki, der sich in Walsers jüdischem Kritiker-Protagonisten André Ehrl-König verhöhnt sah, immer noch grummelte, dass „ein Verlag mit dieser wunderbaren Tradition, der Verlag von Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor Adorno, Paul Celan und vielen anderen, ein solches ärgerliches und beschämendes Machwerk nicht bringen sollte“, fügte er sich Bergs Votum: „Ein Skandal ist diese Entscheidung nicht, denn das Buch musste unbedingt erscheinen.“

Jetzt fehlt nur noch das Schlusswort von Frank Schirrmacher, der die Debatte mit einem Offenen Brief an Martin Walser in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ angestoßen hatte: die historische Einordnung einer Auseinandersetzung, die in ihrer durchkalkulierten Inszenierung, wie nicht wenige fanden, jeder wirklichen Substanz entbehrte. Die Empörung über Rainer Werner Fassbinders angeblich ebenfalls antisemitisches Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, die Mitte der achtziger Jahre von derselben Zeitung – damals unter der Herausgeber-Ägide von Joachim Fest – angeheizt wurde, sei vergleichsweise noch ehrlich gewesen. Der jetzige Aufruhr komme aus dem Arsenal eines spin doctor, der die öffentliche Meinung in letzter Zeit nicht besonders stark bewegt habe.

Leicht gemacht hat sich der Suhrkamp Verlag, wie man hört, die Entscheidung nicht – jedenfalls allemal schwerer als 1996 bei Peter Handkes „winterlicher Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“, einer literarischen Reportage, die im Untertitel „Gerechtigkeit für Serbien“ forderte. Siegfried Unseld musste damals offenbar nicht lange abwägen, ob das moralische Zwielicht, das nicht ohne Handkes Schuld in den Text hineingelesen wurde, dessen Publikation gefährden könnte. Die Loyalität zu seinem langjährigen Autor stand außer Frage.

In den verlagsinternen Diskussionen stand nun tatsächlich der wenig tragfähige Antisemitismus-Vorwurf im Vordergrund. Dabei hätte, wie fast alle Kritiker meinen, viel eher die allgemein boshafte Figurenzeichnung Anlass gegeben, Personen der Zeitgeschichte vor Walsers Buch in Schutz zu nehmen. Aber ach, der Kulturbetrieb hat Probleme!, sagen in vielen Redaktionen Kollegen außerhalb des Feuilletons, die nicht verstehen können, dass derartige Fehden in den Blättern mehr Platz beanspruchen als weltpolitische Auseinandersetzung vom Range des Kaschmir-Konflikts.

Die Genugtuung über das Platzen der Medienblase ist jetzt groß. Bei einigen Wortführern des Pressescharmützels – sie mussten sich über die tieferen Motive des Streits zum Teil deshalb so verhalten äußern, weil sie sich wie der mit seinem früheren Vorgesetzten Schirrmacher im Streit geschiedenen Thomas Steinfeld, heute Literaturchef der „Süddeutschen Zeitung“, nicht vorwerfen lassen wollen, einen persönlichen Rachefeldzug zu führen. Bei Leuten, die sich stärker für Literatur interessieren als für einen Aufstand alter Männer. Und natürlich beim Verlag selbst.

Die Angelegenheit, sagt Verlagssprecherin Heide Grasnick, habe so viel symbolischen und finanziellen Schaden angerichtet, dass er sich durch eine höhere Auflage kaum aufwiegen lassen werde: „Glauben Sie, wir haben uns das freiwillig angetan?“ Für die Rückkehr zum Alltag wird es für den bei Programmankündigungen notorisch späten Suhrkamp Verlag auch höchste Zeit: Endlich kann sie die Vorschauen für den Herbst verschicken.

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