Zeitung Heute : „Vorlesung ist für mich überholt“

Uwe Nestmann über seine Art zu lehren, über Regeln, Respekt und warum er sich auch ein wenig als Entertainer sieht

Am Arbeitsplatz. Uwe Nestmann bei einer Einführungsveranstaltung für Studierende am Institut für Softwaretechnik und Theoretische Informatik. Er legt großen Wert auf den Austausch zwischen Dozent und Auditorium – etwa durch Fragen oder auch mal ein geeignetes Musikstück. Foto: TU Pressestelle/Dahl
Am Arbeitsplatz. Uwe Nestmann bei einer Einführungsveranstaltung für Studierende am Institut für Softwaretechnik und Theoretische...Foto: Technische Universitaet Berlin/U

Die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin hat in diesem Jahr erstmals einen Preis für vorbildliche Lehre vergeben. Er ging an den Professor Uwe Nestmann (43) von der Fakultät Elektrotechnik und Informatik. Grundlage war die Beurteilung aller Pflichtveranstaltungen an der Fakultät im Sommersemester 2009 und Wintersemester 2009/2010 durch die Studierenden. Von den 30 evaluierten Lehrveranstaltungen schnitt Uwe Nestmanns „Theoretische Grundlagen der Informatik 2“ am besten ab. Der Preis ist mit 4000 Euro dotiert.

Herr Professor Nestmann, Studierende schreiben über Sie auf der Internetplattform „meinprof.de“ , dass Sie es schaffen, „mit trivialen Beispielen die Idee, die hinter komplizierten Konzepten steckt“, zu vermitteln, „den Sinn der Lehrveranstaltung aufzuzeigen“, sowie einen „klaren Vortragsstil“ und „Gespür für Denkpausen“ haben. Einer schreibt, Sie seien der erste Dozent, der ihm bisher untergekommen sei, der auch ein Tutorium hält. Was tun Sie für so viel Lob?

Es gibt ja auch Kritik, dass es zu schnell geht, dass ich zu leise spreche, noch mehr den Bezug zur Praxis betonen solle.

Bei aller Bescheidenheit, aber durch das Votum von 6640 Studierenden ging der Preis für vorbildliche Lehre in der Fakultät nun einmal an Sie.

Ich habe ihn zwar bekommen, aber er gilt dem gesamten Team, das an der Durchführung der Lehrveranstaltung beteiligt war. Nun zu Ihrer Frage: Mir ist gegenseitiger Respekt sehr wichtig. Die Studierenden kennen meine Regeln. Das heißt, ich erkläre ihnen, welche Lernziele und Lehrmethoden ich verfolge und warum. Die Studierenden wissen, dass es bei mir kein ausgearbeitetes Vorlesungsskript gibt, und ich stelle auch keine Foliensätze zur Verfügung. Dafür biete ich eine Fülle anderer Arbeitsmaterialien an wie Formelsammlungen, Tutoriums- und Übungsaufgaben mit Musterlösungen, eine E-Learning-Plattform, Diskussionsforen und auch ein wöchentliches Online-Quiz. Die verstärkte interaktive Einbindung elektronischer Medien in den vergangenen Jahren war sicherlich ein wichtiger Grund, warum die Lehrveranstaltung gut angekommen ist.

Warum haben Sie keine Berührungsängste, über „meinprof.de“ mit den Studierenden zu kommunizieren?

Ich habe keine Angst vor Feedback.

Als Sie im Jahr 2005 an die TU Berlin kamen, war da die Lehre von Anfang an ein Schwerpunkt für Sie?

Die Lehre war mir von Anfang an wichtig, den Schwerpunkt habe ich mir jedoch erst nach etwa einem Jahr gesetzt.

Wie kam es dazu?

Ich war enttäuscht von der geringen Zahl Studierender im Hauptstudium, die über die theoretischen Grundlagen der Informatik gut Bescheid wussten. Damit meine ich nicht nur die bloßen technischen Fertigkeiten, sondern auch die zugehörigen Intuitionen und das Verständnis für den praktischen Nutzen dieser Grundlagen. Deshalb wollte ich mich verstärkt in die Lehre einbringen. Ich wurde Studiengangsbeauftragter für das Fach Informatik und Vorsitzender der Ausbildungskommission an der Fakultät.

Diese Kommission erarbeitet Vorschläge zu Fragen der Lehre und des Studiums. Was konnten Sie an Positivem in dieser Funktion für die Fakultät bereits auf den Weg bringen?

Ich habe angestoßen, einen fakultätsübergreifenden Online-Kurs einzurichten. Er nennt sich „Studium und Lehre an der Fakultät IV“ und hat das Ziel, Informationsflüsse zu verbessern zwischen Studierenden und Dozierenden und umgekehrt, Foren einzurichten, in denen man sich auf den Studiengang bezogen austauschen kann, schneller an die richtigen Informationen kommt und generell Fragen stellen kann. Die werden in der Regel auch umgehend beantwortet. Ausgangspunkt waren Probleme hinsichtlich der Kommunikation innerhalb der TU Berlin. Hier gab es bis vor kurzem keinerlei Mailinglisten, mit denen man zum Beispiel alle Informatikstudierenden erreichen konnte, oder alle Informatikstudierenden im Bachelorstudium oder im Masterstudium. Auch heute gestaltet sich die elektronische Kommunikation noch nicht optimal.

Wann ist für Sie eine Lehrveranstaltung gut gelaufen?

Wenn es viele gute Fragen gab und ich das Gefühl habe, dass genügend Teilnehmer etwas verstanden haben, und wenn es interaktiv war. Es ist ein permanenter Kampf, die Interaktivität zwischen Dozenten und Studierenden herzustellen. Jede Lehrveranstaltung muss neu erobert werden. Ein Versuch dabei ist unser wöchentliches Quiz. Die Studierenden bearbeiten es online und können selbst überprüfen, ob ihre Antworten richtig sind. Ich nutze das Quiz, um mir einen Überblick zu verschaffen, was und wie viel verstanden wurde. Die am schlechtesten beantworteten Quizfragen nehme ich in der nächsten Stunde auf und diskutiere sie. Eine andere Technik ist, nach einem schwierigen Thema eine Pause einzubauen und die Studierenden zu ermuntern, während dieser Pause über den Stoff nachzudenken und miteinander zu diskutieren. Der Lärmpegel schnellt zwar in wenigen Sekunden in die Höhe, und so manche wachen dann auch wieder auf, aber viele andere sprechen angeregt miteinander über das Problem. Und häufig werden danach interessante Fragen gestellt.

Vorlesung heißt für Sie nicht anderthalb Stunden Vortrag?

Das Wort „Vorlesung“ ist für mich in gewissem Sinne überholt. Für meinen Teil spreche ich lieber von Motivations- und Informationsveranstaltung, weil es auch besser zu der Art passt, wie ich den Lehrstoff vermittle. Ich will keine bloßen Lösungen vorgeben, sondern den Studierenden zeigen, wie man zu einer Erkenntnis gelangt. Was wir unseren Studierenden noch zu wenig vermitteln, ist, dass es Studium und Lehre heißt. Lehre ist vor allem die Aufgabe der Dozenten, Studium die Aufgabe der Studierenden in Eigenarbeit. Das Verhältnis im Rahmen der Credit Points ist zumeist ein Drittel Lehre, gegenüber zwei Dritteln Studium. Insofern muss die Hauptarbeit von den Studierenden geleistet werden, denn vor allem beim selbstständigen Arbeiten werden Erkenntnisprozesse in Gang gesetzt.

Verstehen Sie sich als Entertainer, der den Studierenden etwas bieten will?

Jein, Entertainment gehört dazu. Die einen erklären einen Algorithmus anhand eines Judogriffes, und bei mir gibt es gelegentlich Musik, aber nicht um der Musik willen, sondern weil ich etwas erklären will. Ich spiele zum Beispiel in der ersten Vorlesung die Titelmelodie von „Mission impossible“ ein. „Theoretische Grundlagen der Informatik“ ist ein schwieriges Grundlagenfach. Viele Studierende fallen durch die Prüfungen und da kann ich natürlich den Bogen schlagen, wie man dagegen angehen kann, damit es keine mission impossible wird.

Das Interview führte Sybille Nitsche.

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