Zeitung Heute : Vorsicht, Aufschwung

Die Konjunkturprognosen werden immer besser. Macht das die Menschen mutiger?

Carsten Brönstrup

Die Zeiten sind gut, aber jetzt werden sie noch besser. Um 2,8 Prozent soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr wachsen, das erwarten Wirtschaftsforscher aus Kiel. Nur ein einziges Mal in den vergangenen 15 Jahren war der Zuwachs größer. Damit wird wohl die Arbeitslosigkeit noch weiter zurückgehen, die Zahl der Jobsuchenden könnte im kommenden Jahr um rund ein Drittel niedriger liegen als noch Anfang 2005. Ein Ende des Aufschwungs ist vorerst nicht in Sicht, jubeln die Ökonomen.

Doch in Champagnerlaune sind die Deutschen noch längst nicht. Sie bleiben dem Klischee vom zurückhaltenden, verstimmten Bürger treu: Die Mehrwertsteuererhöhung zum Jahreswechsel hat sie so verschreckt, dass sie den Konsum seit ein paar Wochen wieder zurückgefahren haben. Auch viele Unternehmen sind skeptisch, wie die letzten Umfragen zum Ifo-Geschäftsklima zeigen. Und beim Schritt in die Selbstständigkeit geben sich die Deutschen zögerlich wie eh und je. Trotz der zurzeit guten Absatzchancen sind die Menschen in den meisten anderen Industrieländern wagemutiger. Das Glas ist halbvoll, glaubt die Nation – allen anderslautenden Meldungen zum Trotz.

Ein paar Monate Aufschwung reichen nicht aus, um für Optimismus auf breiter Front zu sorgen, erklären Psychologen dieses Phänomen. „Die Leute haben jahrelang zu hören bekommen, dass ihr Land schlecht dasteht und tief greifende Reformen nötig sind. Dass sie nun auf einen Schlag euphorisch werden, ist daher kaum zu erwarten“, sagt Detlef Fetchenhauer, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Köln. Rosige Zeiten hat die Republik wahrlich nicht erlebt: Börsencrash, wirtschaftliche Stagnation, Hartz-Reformen, eine über lange Zeit steigende Arbeitslosigkeit allein seit der Jahrtausendwende. „Mit abstrakten Konjunkturdaten können viele nicht viel anfangen“, sagt Fetchenhauer. „Erst wenn die Leute in in ihrem direkten persönlichen Umfeld erfahren, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, dass ihr Einkommen steigt oder der Onkel oder der beste Freund einen neuen Job haben, werden sie wieder positiver in die Zukunft schauen“, sagt er.

Trotz des Aufschwungs dürfte es aber weiterhin zwiespältige Signale vom Arbeitsmarkt geben. Bayer streicht Stellen nach der Übernahme von Schering, die Telekom trennt sich von Beschäftigten, Airbus ebenso. Und wer eine Stelle hat, muss stets damit rechnen, von einer Umstrukturierung oder einem Firmenverkauf betroffen zu sein – und vielleicht in Kürze auf der Straße zu stehen. Steigende Einkommen kennen viele Haushalte außerdem nur vom Hörensagen: Die Reallöhne haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten nahezu stagniert. Psychologe Fetchenhauer wünscht sich deshalb auch mehr Aufmunterung von außen. „Medien, Politiker, Gewerkschaften und Unternehmer müssten die Lage positiver darstellen – dann wären auch die Bürger zuversichtlicher.“

Madeleine Leitner, Karriereberaterin und Expertin vom Berufsverband Deutscher Psychologen, vermutet, dass die Deutschen noch Zeit brauchen: „So schnell geht es nicht mit dem Stimmungsumschwung. Den Umbruch der vergangenen Jahre in vielen Bereichen müssen viele erst einmal verdauen.“ Viele hätten jetzt aber Grund zu Zuversicht – in den Zeitungen gebe es deutlich mehr Stellenanzeigen als noch vor einem halben Jahr, und die Zahl derer, die Rat für einen Jobwechsel suchten, habe deutlich zugenommen. Dennoch werde das Volk nicht übermütig: „Die Deutschen sind nun einmal zurückhaltender als Amerikaner oder Franzosen, das gehört zu ihrer Mentalität. Daran wird auch der stärkste Aufschwung nichts ändern.“

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