Zeitung Heute : Vorsicht, bissige Väter

Von Tanja Stelzer

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Neulich habe ich Noah an meine Freundin S. ausgeliehen, seine Patentante. Ich hatte sie gebeten, zwei, drei Stunden auf Noah aufzupassen. S. kam nach einem halben Tag mit leuchtenden Augen zurück. Erst hatte sie einen Bekannten getroffen, der sie nach einem kurzen Blick auf den Buggy sofort großzügig zum Mittagessen eingeladen hatte; dann hatte sie auf dem Spielplatz einen Vater mit einem anderen Kind kennen gelernt, und die beiden hatten sich äußerst nett unterhalten.

Genau genommen hatte der Vater anstelle seiner Tochter, die noch nicht sprechen konnte, mit Kinderstimme gesagt: „Hallo!“, und S. hatte piepsend geantwortet: „Na, wer bist du denn?“ So haben sie ziemlich lange miteinander geflirtet, ohne wirklich miteinander zu reden. Eigentlich haben die Kinder miteinander geflirtet.

„Ich weiß gar nicht, was Ihr Mütter immer habt“, sagte S., „so ein Tag mit einem Kind ist doch total entspannt.“ Dann fragte sie mich, ob sie öfter mal mit Noah zum Spielplatz gehen dürfe. Flirten mit Kind ist noch viel leichter als Flirten mit Hund.

Auf dem Spielplatz geht es zwischen Männern und Frauen ein bisschen zu wie bei einer Teenager-Party, bloß mit vertauschten Rollen. So wie damals die Jungs eine Party prima fanden, wenn nur genügend Mädchen da waren, so ist heute ein Spielplatz cool, wenn möglichst viele Väter an Klettergerüsten und Rutschbahnen stehen. Keiner hat bessere Flirtchancen als ein Vater im Erziehungsurlaub. Mütter, die mit Schippe oder Sandkasten-Förmchen hantieren, wirken tendenziell trutschig. Männern verleihen dieselben Schippen und Förmchen einen ganz neuen Sex Appeal.

(Wie früher bei den Teenager-Partys gibt es natürlich auch auf dem Spielplatz ein paar ziemlich uncoole Männer. Es ist die Sorte von Vätern, die sich auf eine Bank setzen und den Kopf wegdrehen, als litten sie unter plötzlicher Halsstarre, sobald ihr Kind einem anderen eine Schaufel über den Kopf zieht.)

Mit dem Auftritt der neuen Väter auf dem Spielplatz hat auch der Zicken-Krieg der Väter begonnen. Neid und Konkurrenzkampf sind, jedenfalls in der Elternwelt, keine Frauendomäne mehr. Vor ein paar Tagen kam Noahs Vater empört vom Spielplatz zurück. Da habe es doch tatsächlich einen Vater gegeben, der seinem Kind ständig befohlen habe: Nimm das Förmchen! Dreh’ es um! Back’ einen Kuchen! Mach’ schnell! „Der konnte überhaupt nicht spielen!“ Ein anderer wiederum, fand mein Mann, inszenierte sich selbst als perfekter Vater, der „ständig beiläufig erzählte, wie viel Zeit er mit dem Kind verbringt, als wäre er die bessere Mutter!“

Solche Konkurrenzkämpfe gehen den Männern an die Nieren. Während Noahs Vater sich noch echauffierte, hörte ich die Rechenmaschine in seinem Kopf rattern: Wie viel Zeit hatte er in den letzten Tagen mit Noah verbracht? Noah hat ein Gespür für alles Unausgesprochene. Er guckte zu uns hoch und sagte, so bestimmt wie der Kasernenton-Vater vom Spielplatz: „Super-Papi!“

Am nächsten Tag hat mein Mann all seinen Kollegen von dem neuen Kosewort erzählt, ganz beiläufig.

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