Zeitung Heute : Vorsicht:Kult!

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Gestern, als wir an dieser Stelle auf das große Missverständnis Sport und Sex hinwiesen und analytisch zu dem Schluss kamen, dass beides nur bedingt miteinander zu tun hat, stand in der „Bild“-Zeitung: „ Mehr Sex = mehr Gold“. Donnerwetter! Und Anni Friesinger, die gewann dann auch tatsächlich Gold, Skispringer Sven Hannawald war als Fan auch dabei und sowohl Gerhard Delling als auch Franziska Schenk ließen andeutungsweise durchblicken, dass der Hanni und die Anni …

Kurz nach elf Uhr dann, als Friesinger Gold gewonnen hatte und heulte und heulte, und der Sport endlich wieder zu sich selbst gekommen war, sagte Schenk, eigentlich ja ein Lichtblick: „Jetzt ist ihr bestimmt ein Stein von der Brust geplumpst.“ Normalerweise plumpsen Steine ja vom Herzen, und das Herz von Marianne Kreuzer schlug schneller, als sie das große Eishockeyspiel USA gegen Deutschland ankündigte. Eishockey, das wurden die Fernsehmenschen in den letzten Tagen nicht müde zu wiederholen, sei ja „Kult“.

Und jetzt sind wir auch schon bei dem zweiten großen Missverständnis der Olympischen Spiele.

„Kult“ ist ein Unsinnswort, wer es gebraucht, will sich bei einer vermeintlich lässigen Zielgruppe anbiedern, die Harald Schmidt „kultig“ findet und Sushi und Inline-Skaten. Natürlich ist nicht nur Eishockey „Kult“. Marianne Kreuzer hat die Zeichen der Zeit erkannt und nennt den Curlingsport ebenfalls „Kult“. Dabei sollte der Fernsehzuschauer dankbar sein, dass er diese „kultige“ Sportart nur in der Zusammenfassung zu sehen bekommt und nicht in voller Länge: Zehn Ends, bei denen in sechs eigentlich überhaupt nichts passiert.

Die Amerikaner finden so etwas toll, was nicht weiter erstaunt: Im Baseball passiert die meiste Zeit ja auch nichts. Für den deutschen Fernsehzuschauer dürfte es jetzt mit dem „Kult“ vorbei sein. Deutschland ist raus aus dem Curlingwettbewerb, Deutschland hat sich im letzten Akt der uneingeschränkten Solidarität aus dem Eishockeywettbewerb verabschiedet. Ausscheiden, das weiß auch Marianne Kreuzer, ist dann doch eher „unkultig“. Matthias Kalle

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