Zeitung Heute : „Vorsicht vor der Fleißfalle“ Beraterin Cornelia Topf über die Tücken familienfreundlicher Jobs

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Frau Topf, Sie sind promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und beraten als Kommunikationstrainerin auch viele Existenzgründer. Parallel zu ihrem Unternehmen „metatalk Kommunikation + Training“ managen Sie Ihre Familie, zu der auch zwei schulpflichtige Kinder gehören. Bieten sich Müttern oder Vätern, die sich selbstständig machen wollen, Dienstleistungen rund ums Kind nicht geradezu an?

Ein wesentlicher Vorteil scheint zu sein, dass sich mit ihnen Berufstätigkeit und Familie vermeintlich problemloser miteinander kombinieren lassen, als dies in der Wirtschaft im allgemeinen möglich ist. Dieser Vorteil verkehrt sich aber schnell in einen Nachteil, wenn man weiß, dass gerade Jobs „rund ums Kind“ häufig schlechter bezahlt sind, als „geschlechtsneutrale“ oder „kinderlose“ Jobs. Außerdem sind sie im Gegensatz zu anderen Jobs häufig auch sozial nicht so angesehen, haben also im Allgemeinen einen relativ geringen Prestigewert. Das ist übrigens auch bei vielen anderen ehemaligen „Männer“ Jobs der Fall, die sich Frauen mühsam erobert haben, um dann festzustellen, dass sie flugs abgewertet werden. Man denke an Sekretariats- und Lehrerberufe.

Die Aufgaben in den Jobs rund ums Kind sind oft sehr nah an denen in der eigenen Familie. Ist das eher ein Vor- oder Nachteil?

Mütter beschäftigen sich sowieso schon den größten Teil des Tages mit Kind und Küche und sind davon häufig genervt oder sehr angestrengt. Wenn sie dies auch noch erwerbsberuflich tun, fehlen oft jegliche Horizonterweiterung, Weiterbildungsmöglichkeit und Abwechslung. „Rund ums Kind-“Jobs verwehren es Müttern auch häufig, ernst genommen zu werden. In unserer Gesellschaft hat die Beschäftigung mit Kindern einen viel zu geringen Stellenwert. Und: Die Gefahr ist sehr groß, ausgebeutet zu werden. Frauen sind nach wie vor häufig unterbezahlten „Arbeitsbienen“, sie tappen in die Fleißfalle.

Worauf sollten Existenzgründer in diesem Dienstleistungsbereich achten?

Es ist wichtig, sich seinen Job nicht selbst kleinzureden, etwa mit Formulierungen wie: „Ach, ich mache ja nur…“ oder „Ich bin ja nur…“. Frauen neigen dazu. Unter demografischen Aspekten werden in Deutschland viel zu wenige Kinder geboren, die Alterspyramide steht Kopf. Fast alles, was dazu beiträgt, Frauen Berufstätigkeit und Kinder zu ermöglichen, hat deshalb einen hohen Stellenwert. Deshalb darf frau „solche“ Jobs selbstsicher und offensiv „verkaufen“.

Ihr Tipp für die weitere Berufsplanung?

Kinder werden verdammt schnell erwachsen. Was machen Sie, wenn die eigenen aus dem Nest geflogen sind? Mütter sollten deshalb frühzeitig über eine berufliche Neuorientierung nachdenken.

Die Fragen stellte Regina-C. Henkel

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