Zeitung Heute : Vorsicht, wenn die Sonne kommt

Barbara Bierach

Hurra, wir leben noch! Letzte Woche war nämlich Betriebsfeier. Dabei fing es ganz harmlos an. Als die ersten Sonnenstrahlen den Winter vertrieben, kam der Chef doch glatt ins Büro und strahlte! Grüßte, warf die Jacke übern Stuhl – alle haben gleich getuschelt: „Fehlt nur noch, das er heute eine Runde Eis ausgibt!“ Das wäre schon sensationell gewesen, denn die vergangenen, verregneten Monate gab der bloß die sorgengefurchte Stirn zum Besten. Doch die durch die ersten warmen Tage geweckten Frühlingsgefühle (und überraschend gute Ergebnisse) veranlassten den Chef, gleich eine Betriebsfeier anzusetzen.

Die war also letzte Woche und im Nachhinein erinnert die Veranstaltung an die Geschichte, dass sich amerikanische Spione früher beim Einsatz im Ostblock durch ihre komischen Tischsitten verraten haben sollen. Amis zerkleinern das Zeug auf ihrem Teller mit Messer und Gabel, dann legen sie das Messer weg und fangen an, einarmig zu schaufeln. Die linke Hand liegt dabei im Schoss. Das fiel sogar dem KGB auf. Bislang galt das als der wahrscheinlich einzige Fall, in dem bei Nicht-Beachtung der üblichen Sitten Lebensgefahr drohte. Aber die Agenten waren ja auch noch nie bei uns auf einer Betriebsfeier.

Die sind nämlich eine gute Gelegenheit, sich vor Kollegen und Vorgesetzten total zum Affen zu machen. Namen wollen wir an dieser Stelle nicht nennen, aber natürlich ist dieser anstrengende Besserwisser im Team, der immer nur redet und nie was arbeitet, gar nicht erst erschienen. Dann stürmte diese Spaßbremse aus dem Controlling als erster das Buffet, noch bevor die Rede vom Boss verklungen war. In der dritten Runde an den Fresströgen schnappte die missgünstige kleine Krabbe dann vor aller Augen seiner Büronachbarin das letzte Stück Tiramisu weg.

Der Streber, der in allen Konferenzen immer das wiederholt, was einer der Großmuftis fünf Minuten vorher schon mal gesagt hat, griff zur Flasche. Irgendwann war der richtig schön voll, sabberte der Süßen vom Empfang in den Ausschnitt und bot schließlich seinem Abteilungsleiter das Du an. Als der ablehnte, musste er sich anlallen lassen, er sei arrogant und überhaupt völlig überfordert mit seinem Job. Streberlein hätte gar nicht deutlicher machen können, an welchem Stuhl er gerade sägt. Kurz, wir wurden Zeuge von ein paar beruflichen Selbstmordversuchen.

Heute gießt es wieder und alle tun so als sei nichts gewesen. Kein Frühling, kein blaues Band in lauen Lüften und schon gar keine Betriebsfeier. Stattdessen Aufbruchsstimmung am Schreibtisch, alles werkelt wie wild, schon um nicht Reden zu müssen. Wahrscheinlich war das die Idee von dat Janze.

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