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Der Tagesspiegel

Am vergangenen Montag war ich gezwungenermaßen auf der Uhren- und Schmuckmesse in Basel. (Eintritt für Gäste 45 Franken, also knapp 30 Euro.) Na gut, dachte ich, schaue ich mir sie halt mal an, die Großen der großen weiten Welt, also Rolex, Breitling, Patek Philippe, Chopard usw. Leider blieb es bei diesem Gedanken.

Die Messestände, die normalerweise der Kommunikation dienen sollen – so habe ich das jedenfalls gelernt –, glichen Trutzburgen aus Edelholz oder gebürstetem Aluminium. In der Mitte jeweils ein kleines Tor, das von mindestens drei Leuten bewacht wurde: einer jungen, eisigen Empfangsdame, die ein Make-up der Marke Zementa aufgelegt hatte. Einer Oberempfangsdame, etwas betagter, aber noch eisiger. Und im Hintergrund jeweils ein Typ Marke Bodyguard, mit eingemeißeltem Lächeln.

Ich durchschritt kühn die Rolex-Pforte. „Kann ich Ihnen helfen?“ – „Ja, ich möchte mich bei Ihnen ein bisschen umsehen.“ – „Haben Sie eine VIP-Einladung?“ – „Nein, ich bin Lehrer für Kommunikation und interessiere mich für das Konzept Ihres Messestands.“ – „Das glaube ich Ihnen gern, aber hier im Stand empfangen wir nur geladene Gäste nach vorheriger Terminvereinbarung. Ich muss Sie also bitten zu gehen.“ Leider ist mir die passende Antwort erst viel später eingefallen: „Was würden Sie sagen, wenn zwei Hamburger Zuhälter mit ihren Kampfhunden hier reinwollen? Das sind doch Ihre Kunden.“

Vierzig Meter weiter wurden die Trutzburgen plötzlich unterbrochen. Von einem hellen, offenen und äußerst stilvollen Stand der Firma Century. Der Chef vom Ganzen, ein Herr Klingenberg, bedauerte, dass er gerade mit einem Kunden sprechen musste und lud mich gleich zu einem Gläschen Champagner ein. Century war mir bis dato unbekannt. Aber so viel weiß ich: In ein paar Jahren wird Rolex gegen Century so alt aussehen wie die Tattoos an den Armen gewisser Rolex-Träger. Reinhard Siemes

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