Zeitung Heute : Vorsicht: Wissenslücke

Wer seinen Job behalten will, muss sich weiterbilden – und zwar auch nach Dienstschluss

Regina-C. Henkel

Heike Ejoh ist 35 Jahre alt und „Fernlernerin des Jahres 2003“. Ihr männliches Pendant heißt Kai Vierkötter. Der 40-Jährige arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb und hat sich berufsbegleitend zum „Industriemeister (IHK) Luftfahrttechnik weitergebildet. Das gefällt Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen vom Bundesbildungsministerium und er ließ es sich vergangene Woche nicht nehmen, die beiden Fernlerner, zwei Ehrenpreisträger „Lebenslanges Lernen“ und zwei Jugendliche, die ihren Hauptschulabschluss im Fernunterricht nachholten, im Rahmen eines Festaktes persönlich auszuzeichnen. Immerhin liefern die Erfolgreichen unter den rund 150 000 Fernlernenden hierzulande vorzeigbare Beispiele für die „good practice“-Sammlung „Lebenslanges Lernen“, die das Bundesministerium im Frühsommer vorstellen will.

Dabei ist es längst selbstverständlich geworden, sich den Anforderungen der Wissensgesellschaft durch individuelles Weiterbildungsengagement zu stellen. Das Büro für analytische Sozialforschung Hamburg beschreibt den Status quo mit den Worten: „Die Deutschen tun etwas für ihre berufliche Weiterbildung – und lassen sich ihre Qualifizierung etwas kosten.“ Wohl wahr: 2002 haben 27,8 Millionen Menschen in Deutschland durchschnittlich 502 Euro aus eigener Tasche für ihre berufliche Weiterbildung ausgegeben. Das hat eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (bibb) in Bonn ergeben. Diese repräsentative Erhebung zeigt außerdem: Von jährlich 138 Stunden beruflicher Weiterbildung insgesamt werden 64 Stunden während der Arbeitszeit absolviert, 74 dagegen in der Freizeit – plus weitere 59 Stunden, die auf das Konto unbezahlter Überstunden wegen der Weiterbildung gehen oder durch Vor- und Nachbereitung anfallen. „Insgesamt beträgt damit der Freizeitverlust wegen beruflicher Weiterbildung 133 Stunden pro Teilnehmer und Jahr“ sagt das Büro für analytische Sozialforschung.

Freizeitverlust? Für Bildungsexperten gehört solch eine Formulierung ins Geschichtsbuch. Lernen nur als Anstrengung zu sehen, verkennt nach Überzeugung von Arbeitgebern auch, dass es durchaus Spaß machen kann, sich Know-how anzueignen. Pragmatisch sieht es das Bundesbildungsministerium: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ habe heute keine Geltung mehr – und Lernen höre nach Schule, Ausbildung oder Studium nicht auf. „Lebenslanges Lernen“ heiße das Schlüsselwort, „wenn man auf dem Arbeitsmarkt mithalten will.“

Dabei zeigt sich schon jetzt: Lernen wird künftig keine Frage des Lebensalters mehr sein. „Wir bekommen auch in der Weiterbildung ein Methusalem-Phänomen“, sagt der Bildungsautor Alexander Ross. „Derzeit sinkt die Weiterbildungsquote bei Mitarbeitern ab Vierzig rapide ab. Doch bei weniger Hänschen muss Hans bis zur Rente lernen – und zwar berufsbegleitend.“ Sogar die Universitäten müssen sich darauf einstellen. Ross: „In den USA sind heute Studenten mit Vierzig in Master-Programmen abends und am Wochenende keine Seltenheit“. Dieser Trend wird sich wohl auch in Deutschland bald durchsetzen. Die „Akademiestudien“ der Fernuniversität Hagen etwa, die wissenschaftliche Weiterbildung auf universitärem Niveau ohne Zulassungsvoraussetzungen anbietet, werden gut gebucht. Gleichwohl muss nicht jedem jedes Weiterbildungsangebot zusagen. Der eine hat vielleicht Abneigungen gegen einen Seminarinhalt oder -ort, ein Zweiter hält ein anderes Thema für wichtiger, beim Dritten kollidiert der Termin mit einem privaten Vorhaben. Doch das alles sind keine akzeptablen Argumente. Sich querzustellen, wäre aus mehreren Gründen völlig verkehrt:

„Betriebliche Personalentwicklung nach dem Gießkannen-Prinzip hat ausgedient“, sagt Susanne Seffner von der Becker Seffner & Partner-Managementberatung in Berlin. Weiterbildung werde heute „sehr spezifisch auf die konkreten Anforderungen im Unternehmen“ zugeschnitten – also für die Aufrechterhaltung der betrieblichen Innovationskraft unverzichtbar. Daraus ergibt sich:

Ein betriebliches Weiterbildungsangebot abzulehnen, kann eine Verletzung der „vertraglichen Nebenpflichten“ bedeuten, wie Arbeitsrechtlerin Martina Perreng vom DGB in Berlin erklärt. Ändern sich durch den Markt oder die technologische Entwicklungen die Anforderungen an den Arbeitsplatz, könne der Arbeitgeber „verlangen, dass der Arbeitnehmer sich anpasst.“ Im schlimmsten Fall könne eine Weigerung zu einer betrieblichen Kündigung führen, „denn der alte Arbeitsplatz ist ja weg und ich bin nicht in der Lage, den neuen auszufüllen“.

Auf eine neudeutsche Win-win-Situation weist Dietmar Burmeister-Horvath von der Paetec Wirtschaftsakademie hin. Er sagt: „Die Grenzen zwischen Arbeit und Qualifizierung werden transparenter. Weiterbildung ,auf Vorrat’ weicht zunehmend einem an den Unternehmensbedarfen ausgerichteten Wissensmanagement, das im Idealfall Mitarbeiter und Unternehmen gemeinsam ein- beziehungsweise umsetzen.“

Die individuellen Vorteile einer Weiterbildung stellt Christiane Meyer-Ricks vom Bildungsträger Forum Berufsbildung in den Vordergrund. Sie sagt: „ Eine Fortbildung ist eine Investition in die Arbeitsplatzsicherung. Immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr Arbeit leisten, dabei haben Mitarbeiter die Nase vorn, die vielseitig einsetzbar sind.“

Weiterbildungsangebote des Arbeitgebers anzunehmen, stabilisiert also nicht nur den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt, sondern kann ihn auch verbessern. Die frisch erworbene Qualifikation unmittelbar nach der betrieblichen Fortbildung in bare Münze – also eine Gehaltserhöhung – umsetzen zu wollen, verbietet sich allerdings. Managementberaterin Seffner: „Das wäre taktisch unklug. Man sollte warten, bis für das Unternehmen ein Wertzuwachs sichtbar geworden ist.“

Wer gar über einen Jobwechsel nachdenkt, sollte sich daran erinnern, dass er vor dem Seminar üblicherweise einen Weiterbildungsvertrag geschlossen hat. Darin schreiben die Unternehmen die Höhe der Kosten fest, die der Jobwechsler seinem bisherigen Arbeitgeber rückerstatten muss. Eine durchaus wirksame Maßnahme, gute Mitarbeiter im Betrieb zu halten, denn bei Weiterbildungen können leicht Kosten von einigen tausend Euro zusammenkommen.

Weitere Infos im Internet unter:

www.trainerbuch.de, www.bildungslinks.de, www.dgb.de, www.bmbf.de, www.fernuni-hagen.de, www.bildungsserver.de, www.changex.de

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