Zeitung Heute : Vorspeisenhits

Tafelspitzsülze und Schwertfischschnitzel

Elisabeth Binder

Schnitzelei, Röntgenstr. 7, Charlottenburg, Tel. 34702778, geöffnet tägl. von 16, sonntags von 10 bis 24 Uhr

Deutsche Tapas? Klingt irgendwie zwingend, so als seien die extrem überfällig gewesen. Man könnte natürlich auch einfach nur „Vorspeisen“ sagen. Aber die waren ja schon immer da, da lauert das mit Ragout Fin gefüllte Königinpastetchen gewissermaßen drohend im Hintergrund.

Die Schnitzelei ist offenkundig ein Lokal für Trendsetter. Das sieht man gleich, wenn man reinkommt in die Räume, die früher das australische Restaurant Wolloomooloo beherbergt haben. Überall brennen dicke weiße Kerzen vor Spiegeln, was besonders zu dieser Jahreszeit einen hübschen, fast festlichen Effekt ergibt. Damit es nicht zu feierlich wird, sind die Tische aus grobem hellblankem Holz, verbreiten Installationen aus alten Eichenschindeln an den Wänden dezent rustikalen Schick, und im großzügigen Barbereich stehen ungeknackte Erdnüsse in lang gezogenen Schüsseln auf den Tischen herum. So stylisch wie das Ambiente war auch das Publikum: überdurchschnittlich viele gut gekleidete junge Männer. War fast, als wäre man mit Hilfe eines Time Tunnels in die feinen 80er Jahre zurückgereist.

Als Amuse Gueule auf Kosten des Hauses gibt es unmittelbar nach der Ankunft originellerweise ein kleines Glas Bier. Als Nächstes kommen drei frische, exzellente Sorten Brot, von denen eine auch als Kuchen durchgehen könnte. Die deutschen Tapas werden betont elegant serviert, in kleinen weißen viereckigen Porzellanbehältern, die fein säuberlich auf einem rothölzernen, sehr schmalen Tablett aufgereiht sind. Der Eiersalat ist allerdings deutlich zu laff, dem hätten entweder ein paar Gürkchen oder auch eine kräftige Extraprise Kräuter dringlich gut getan. Pikanter ist das auf drei winzigen Weizenkräckern angerichtete Forellenmousse. Der Salat aus Kirschtomaten schmeckt verdächtig gut nach italienischem Essig, aber das wollen wir mal durchgehen lassen. Die großzügige, an den Rändern teilweise etwas trockene Portion Lachs ruht auf tiefrotem Preiselbeermeerrettich. Und auch die topfenkuchenförmige Tafelspitzsülze harmoniert gut mit ihrer Remoulade. Die marinierten Eismeerkrabben sind großzügig portioniert, obwohl auch sie einen würzigen Pfiff noch gut vertragen könnten (8, 50 Euro). Man kann zwischen drei und neun Schälchen auswählen, das kostet zwischen 4,50 und 12,50 Euro. Die Kollektion ließe sich jederzeit auch gut noch um nostalgische Partyhits wie ,sagen wir, Fliegenpilzeierzwerge oder Toast-Hawaii-Minis ergänzen. Die hausgemachte Brotpanade ist gleich nach der Eindeutschung der spanischen Häppchen der Stolz des Hauses. Der knusprigbuttrige goldbraune Mantel umhüllt nicht nur das Wiener Schnitzel, sondern auch eine Reihe von Geschwistern, läuft dabei leider Gefahr, den zarten Inhalt zu erschlagen. Tatsächlich schmeckt die Panade auf den ersten Biss sehr gut, müsste nur von ihrer Fettfracht entlastet werden.

Angenehm fiel immerhin auf, dass die netten, flotten Kellnerinnen ohne Zögern jeglichen Änderungswünschen bei der Kombination der einzelnen Gerichte zustimmten. Zum Beispiel die hauchdünnen Schwertfischfilets, deren eigener Geschmack sich in der dicken Brotpanade verlor, die konnten wir auch mit dem bunten Gemüsesalat aus Paprika, Zucchini, Tomaten etc. kombinieren (12,50 Euro). Die Filets waren riesig, aber nicht ganz so gigantisch wie das zarte und in besagter Weise dick eingewickelte Wiener Schnitzel vom Milchkalb. Dazu gab es in einem der Tapas-Schälchen Gurkensalat und sehr krossköstliche Bratkartoffeln (12,50 Euro). Zum Nachtisch gab es unter anderem Eis- oder Quarkschnitzel. Der warme Marmorkuchen war allerdings eine Enttäuschung, lauwarm eigentlich nur, in Muffinform und bestimmt nicht frisch gebacken, viel zu zitronathaltig, außerdem ohne Schokoladenguss und in Begleitung einer Vanilleeiskugel, die bestimmt aus dem Museum für kulinarische Industriekultur importiert war (5,50 Euro). Dann lieber noch einen Schluck Wein, denn die offenen Österreicher sind comme il faut, der Grüne Veltliner ebenso frisch wie der Blaue Zweigelt sanft (0,2 l jeweils 4 Euro). Schon mal vormerken für die Fußball-WM. Deutsche Vorspeisen weiß ja niemand so zu schätzen wie Gäste aus dem Ausland.

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