Zeitung Heute : Vorüber, vorbei

Wie ein Vater auf die Schulzeit seiner Tochter zurücksieht

Wolfgang Prosinger

Jawohl, jetzt hat sie’s.

Nicht, dass daran ernsthaft zu zweifeln gewesen wäre – und dennoch: Wenn es so weit ist, dann ist es eben doch etwas ganz Besonderes. Wie damals vor 19 Jahren die ersten selbstständigen Schritte. Oder wie vor 14 Jahren der erste Schultag. Und nun eben der letzte. Abi 2006: Eine Ära von 13 Jahren geht zu Ende. Auch für den Vater.

Vorbei, vorbei, vorbei die Zeiten, da man auf unbequemen Stühlen endlose Elternabende absitzen musste, die Tiraden der Lehrer ertragen und die Eitelkeiten der Mit-Eltern. Vorbei, vorbei, vorbei die Vorladungen zur Lehrersprechstunde, um zu erfahren, dass das Betragen des Fräulein Tochter in den vergangenen Monaten leider… Vorbei, vorbei, vorbei die zähen Abende des Volkabelabfragens und die peinlichen Eingeständnisse der die Hilflosigkeit bei den Mathehausaufgaben. Vorbei, vorbei, vorbei.

Die Schultür ist zugegangen; die Tür zur Freiheit geht auf.

Könnte nur sein, dass den Vater nächste Woche, na, sagen wir lieber in der übernächsten Woche, eine kleine Unruhe ergreift. Wenn nämlich am Nachmittag im Büro kein Telefon läutet und keine Tochter dran ist, die – „ich störe doch nicht?“ – nur ganz schnell, aber ganz dringend einer kurzen Zusammenfassung des Menschenbildes von Bertolt Brecht bedarf – „das weißt du doch, Papa“ – oder eine präzise Erklärung des Rätsels, wie das in der Politik eigentlich mit den Überhangmandaten ist, und vielleicht eben noch flott – „kein Problem für dich, Papa“ – eine klitzekleine Einordnung der Marx’schen Feuerbachthesen. Na klar. Mein Kind, wenn’s sonst nichts ist.

Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Und deshalb wird etwas fehlen. Das wunderbare Gefühl der letzten 13 Jahre: Da glaubt jemand an dich.

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