Zeitung Heute : Vorübergehend abgetreten

Michael Schmidt

In Kuba hat Fidel Castro wegen Krankheit die Amtsgeschäfte vorübergehend an seinen Bruder Raúl übergeben. Welche Folgen könnte dieser Wechsel für die politische Lage in dem Land haben?


Nichts wird bleiben wie es war, wenn Fidel Castro nicht zurückkehren sollte. Ob sich deshalb aber alles ändern würde, ist gleichwohl fraglich. Fest steht: Raúl Castro ist nicht Kubas Zukunft. Er ist ein Phänomen des Übergangs. Zwar ist er der Einzige unter den denkbaren Nachfolgern des weltweit dienstältesten Regierungschefs, den der misstrauische Fidel nicht als Konkurrent aus dem Weg geräumt, sondern stets ins Vertrauen gezogen hat. Aber: Er gilt als dem Alkohol über die Maßen zugetan, ist ungeheuer unbeliebt – und nur fünf Jahre jünger als Fidel.

Darum regieren jetzt auf der Karibikinsel erst einmal die Ungewissheit und die Spekulation. Was vom bisherigen Verteidigungsminister Raúl Castro als Staats- und Parteichef zu erwarten ist, weiß niemand genau zu sagen. Der eher schüchterne kleine Bruder des großen „máximo líder“ meidet öffentliche Festlegungen. Und so lange Fidel lebt und bei Bewusstsein ist, ist kaum vorstellbar, dass die bisherige Nummer zwei im Staate irgendetwas wird unternehmen können, oder auch nur wollen, das nicht die Zustimmung der bärtigen Revolutionslegende Fidel findet.

Was bedeutet das für die mehr als elf Millionen Kubaner? Siebzig Prozent der heutigen Inselbevölkerung sind nach 1959 geboren. Für sie sind die Errungenschaften der Revolution – kostenlose Gesundheitsversorgung, Bildung für alle – selbstverständlich. Selbstverständlich sind für diese Menschen aber auch die Erfahrungen von Miss- und Mangelwirtschaft, Schlangen vor den Geschäften, stundenlange Stromausfälle, Korruption und Arbeitslosigkeit, fehlende politische Beteiligungsmöglichkeiten, Bilder einer bunten Konsumwelt aus den USA und zahlreiche ins Exil geflüchtete Verwandte und Bekannte. Fidel Castro ist es – Fidel Castro war es – der als die Integrationsfigur das Volk über Mangel und fehlende Freiheiten vielfach hat hinwegsehen lassen. Nicht nur, aber auch und vor allem in dieser Funktion gilt er vielen als unersetzlich: Fidel, heißt es, ist die Revolution, die Revolution ist ohne Fidel nichts. Er aber hat das Versprechen auf eine bessere Welt nicht einlösen können. Noch viel weniger wird das von seinen möglichen Nachfolgern erwartet. Absehbar ist, dass es in der Post-Fidel-Ära den einen charismatischen Führer nicht mehr geben wird. Orthodoxe Kommunisten, Anhänger der ewigen Revolution im Sinne Che Guevaras und Befürworter einer marktwirtschaftlichen und politischen Öffnung werden sich die Macht teilen – oder, was eher zu vermuten ist, darum kämpfen.

Die wichtigsten Ämter hat Fidel am Dienstag seinem jüngeren Bruder übergeben. Andere Funktionen hat er an zwei weitere ernst zu nehmende Nachfolgekandidaten delegiert: seinen Außenminister Felipe Pérez Roque und seinen Vizepräsidenten Carlos Lage. Dass Raúl den USA gegenüber immer wieder Gesprächsbereitschaft signalisiert hat, wird an deren Haltung jedoch nichts ändern. Der große Nachbar im Norden hat wiederholt erklärt, man werde mit Angehörigen der aktuellen Regierung Kubas, mögen sie Raúl Castro, Felipe Pérez Roque oder Carlos Lage heißen, nicht verhandeln. Schon gar nicht, solange die das Band zum anderen großen antiimperialistischen USA-Hasser Lateinamerikas immer enger knüpft: zu Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Das heißt, die USA werden ihre totale wirtschaftliche und politische Blockade aufrechterhalten, um freie Wahlen auf Kuba zu erzwingen. Und sie werden weiterhin die exilkubanischen Gruppierungen in Florida, die am Dienstag schon das Ende der Castro-Ära feierten, mit Milliarden unterstützen, um eine mögliche Invasion vorzubereiten.

Vielleicht aber kommt alles ganz anders – und die Übertragung der Macht an Raúl ist tatsächlich nur vorübergehend. Das ist möglich. Wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Denn es muss Fidel wirklich schlecht gehen, wenn er zum ersten Mal nach 47 Jahren von seiner Macht lässt. Wie schlecht, mag sich erschließen, wenn man sich vor Augen hält, dass er 2004 während einer Rede stürzte, sich das Knie und den Oberarm brach – und dennoch, als sei nichts geschehen, den Rest der Veranstaltung in der ersten Reihe sitzend bis zum Ende aufmerksam verfolgte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben