Zeitung Heute : „Vorurteile und Berührungsängste abbauen“

Was Abteilungsleiter von der Arbeit im Hospiz profitieren – Gespräch mit dem Geschäftsführer von Lufthansa Revenue Services

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Herr Pfister, was hat der Geschäftsführer einer LufthansaTochter bei Drogenabhängigen zu suchen?

Im Rahmen des Projektes „Seitenwechsel“ arbeitete ich im vergangenen Sommer eine Woche als Praktikant im „Kodrobs“, einer stadtteilorientierten Drogenberatungsstelle in Hamburg-Altona.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zur Weiterbildung ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung zu machen?

Als ich im Frühjahr das Projekt „Seitenwechsel“ kennen gelernt habe, war ich sofort begeistert: Eine Woche aus dem eigenen Umfeld raus und die Chance zu haben, eine andere Seite unserer Stadt, ein anderes Berufsfeld und andere Erfahrungswelt kennen lernen zu können. Über den „Tellerrand“ zu schauen.

Wie haben Sie die Arbeit mit Drogenabhängigen erlebt?

Vom ersten Moment an war ich beeindruckt von der Klarheit, Struktur und in der Arbeit gezeigten Konsequenz der Mitarbeiter von „Kodrobs“. Die Klischees und Stigmata, die vor allem bei Leuten aus der Wirtschaft über Sozialarbeiter und andere im sozialen Umfeld Tätige vorherrschen, waren schnell verflogen. Andererseits war es beeindruckend zu erleben, welch große Bedeutung die Beratungsstelle für die Abhängigen hat, wie wichtig es für sie ist, eine teilweise tägliche Anlaufstelle zu haben. Das kann man nur verstehen, wenn man es schon selbst erlebt hat.

Wie hat sich die Teilnahme auf Ihre Arbeitswirklichkeit ausgewirkt?

Den Erfolg von Seminaren kann man wohl erst mit größerem zeitlichen Abstand zuverlässig beurteilen, egal ob es sich um das Seitenwechsel-Projekt bei „Kodrobs“ oder ein Top-Management-Seminar in St. Gallen handelt. Ein Beispiel aus dem Drogenumfeld: Ein Abhängiger, der seine „Karriere“ über lange Zeit aufgebaut hat, wird seine Sucht nicht durch eine einzige Entziehungskur verlieren. Wer zehn bis 15 Jahre abhängig war, braucht auch einige Jahre, um von der Droge loszukommen. Diese Erfahrungen ziehe ich jetzt manchmal bei Prozess-Veränderungen heran. Hier muss man als Vorgesetzter, als Manager, die bisherige Entwicklung stark einbeziehen und mehr Geduld und Durchhaltevermögen zeigen.

Können Sie die Seitenwechsel-Philosophie aus Ihrer Sicht kurz definieren?

In einer Stadt wie Hamburg - oder erst recht Berlin - besteht die Gefahr, dass die Welten „Industrie, Wirtschaft“ versus „Obdachlose, Drogenabhängige“ oder auch „Jugendliche, Kranke“ nebeneinander herlaufen, voll gespickt mit gegenseitigen Vorurteilen und Berührungsängsten. Das beste Mittel dagegen ist es, Informationen zu sammeln und Erfahrungen zu machen, Erfahrungen und neue Bilder, die Manager mit in ihr Leben nehmen können und die ihnen mehr Souveränität und eigene Meinung geben. „Seitenwechsel“ bietet hierzu eine tolle Gelegenheit.

Haben weitere Mitarbeiter an „Seitenwechsel“-Projekten teilgenommen?

Nach meiner positiven Erfahrung wollte ich diese Möglichkeit auch all meinen zehn Abteilungsleitern anbieten. Vier Kollegen haben bis heute – ob Entziehungsklinik, Palliativstation oder Psychiatrie – teilgenommen und jeder war tief beeindruckt.

Und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Wie bei den meisten Managern wahrscheinlich: Meetings, Termine, Abstimmungen, Sitzungen. Also mit Menschen zusammenarbeiten, zuhören, gemeinsame Wege finden, motivieren. Das sind Tätigkeiten, die auch bei einem Seitenwechsel trainiert und gefördert werden.

Welche andere Art von Weiterbildung haben Sie und Ihre Mitarbeiter in den letzten Jahren gemacht?

Innerhalb des Lufthansa-Konzerns bietet die „Lufthansa School of Business“ ein gutes und professionelles Programm für Mitarbeiter und Manager an. Darüber hinaus durfte ich vor ein paar Jahren selbst an einem internationalen Managementprogramm (IMPM) teilnehmen, das sich wochenweise über Nordamerika, Europa, Indien und Japan erstreckte. Das waren auch viele Seitenwechsel!

Das Gespräch führte Paul Janositz

Hannes Pfister, 45. Der promovierte Physiker ist Geschäftsführer von „Lufthansa Revenue Services“ in Norderstedt und Berlin-Schönefeld. Die Gesellschaft rechnet die LH-Tickets ab.

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