Zeitung Heute : Vorwärts zur Natur zurück

GERT KAISER

Es genügt nicht mehr, Neues zu erforschen und zu erfinden.Wir müssen vielmehr eine neue Haltung zum Forschen und Erfinden entwickeln.

Die verbreitete Skepsis eines großen Teils unserer jungen Leute gegenüber Technik und Naturwissenschaft ist ja nicht eine kurzlebige Geistesmode oder eine unerklärliche "Verseuchung" durch grüne Ideen.

Zwar ist Deutschland besonders anfällig für eine Art antimodernen Widerstands, für eine Neigung zur Vormoderne im geistigen und gesellschaftlichen Feld.Aber diese zähe Skepsis hat ihre Begründung weniger in untergründigen Traditionen als vielmehr in den offensichtlichen Entwicklungsschäden unserer technischen Welt.

Denn in der Tat ist ja unsere Technik oft noch sehr grob, oft noch sehr dumm.So dumm, daß sie - jedenfalls in breiter Anwendung - eine gefährliche Zahl und Qualität von Nebenwirkungen hat.Denn Micro-Chips und Fuzzy-Logic und Solarstromtechnologie sind ja nicht unsere technische Realität, sondern Verbrennungsmotoren, die rabiate Ausbeutung der Bodenschätze und energiefressende Aluminiumhütten.Fast immer benötigen wir für unsere technischen Ziele eine große Verschwendung von Energie, Materie und Zeit.Der sogenannte Effizienzgrad ist miserabel - und die Vermüllung des blauen Planeten nimmt immer noch zu.

In den meisten Technikfeldern sind wir noch weit von einem Reifestadium entfernt.Nur in wenigen Bereichen sind Wissenschaft und Technik so hochentwickelt, daß sie in der Intelligenz ihrer Verfahren und Produkte etwa den Verfahren der Natur vergleichbar sind.Ich gebe ein paar Beispiele.Von technischer Reife wird man erst sprechen können, wenn etwa Pharmazeutika mit so feinen Wirkstoffen arbeiten werden wie Homöopathica, wenn Energietechnik und Verbrauch den biologischen Vorbildern nahekommen, wenn Gentherapie das Nachwachsen zerstörter Organe ermöglichen wird.

In dieser Situation einer ziemlich dummen Technik einen offensiven Dialog mit den jungen Leuten über unsere technische Zukunft zu führen, wird von diesen oft als blanker Zynismus empfunden.Und doch - wir müssen es versuchen.Und wir müssen dafür den großen, den säkularen Lernaugenblick nutzen, der auf uns zukommt, das Millenium.

Das heißt aber nicht mehr und nicht weniger als: im Dialog mit den jungen Leuten ein Technik-Leitbild zu entwickeln, dem sie vertrauen.

Wir Menschen verstehen und interpretieren unsere Welt stets mit Hilfe eines ziemlich kleinen Bestands von Elementargeschichten, Geschichten, die sozusagen zu unserer Innenausstattung gehören.So auch hier.Die verbreitete Technikskepsis und Technikangst beruft sich ständig - ohne es immer zu wissen - auf eine alte Geschichte und ihre moderne Antwort.Die alte Geschichte ist die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies - eindrucksvoll erzählt im Alten Testament - und sie bringt unsere Erfahrung auf den Punkt, daß wir uns zunehmend von der Natur entfernt haben, ja daß wir sie zu unterjochen suchen - jedenfalls nicht mehr in Harmonie mit ihr leben.Und die moderne Antwort, die uns dann sofort parat ist, stammt aus einer Geschichte des 18.Jahrhunderts; sie ist zusammengefaßt in einem Schlagwort, geprägt von Jean-Jacques Rousseau; es lautet Retour à la nature - zurück zur Natur, - um auf diese Weise, die Entfremdung von der Natur rückgängig zu machen.

Diese beiden Geschichten haben in unserem Jahrhundert eine große Wirkung entfaltet.Wir alle erliegen der suggestiven Plausibilität dieser Geschichte und ihrer einfachen Antwort.

Und das ist auch kein Wunder in einer so technisch dominierten Welt wie der unseren.Vor allem junge Leute erfahren die Belastung und oft auch Überbelastung unserer Welt durch Menschen und Technik als eine schwere Hypothek für ihre Zukunft.

Ich möchte eine andere berühmte Geschichte - etwa aus derselben Zeit - dagegensetzen.Sie ist die heimliche Schlüsselgeschichte der Moderne und gibt eine ungleich intelligentere Antwort auf die Klage nach dem Verlust der Natur und des Paradieses als Jean-Jacques Rousseau.Vor allem: Sie ist eine Schlüsselgeschichte für den großen Lernaugenblick zu Beginn des neuen Milleniums, und sie kann die Schlüsselgeschichte für den Dialog mit den jungen Leuten sein.

Die Geschichte stammt von Heinrich von Kleist und trägt den wunderlichen Titel "Über das Marionettentheater".Sie handelt davon, daß der Mensch sein ungezwungenes Verhältnis zur Natur dadurch verliert, daß er sie erforscht und reflexiv durchdringt.

Das zentrale poetische Exempel ist schnell wiedergegeben - und damit erklärt sich der Titel "Über das Marionettentheater".Die beiden Erzählfiguren, zwei einander flüchtig bekannte Männer, beobachten ein Marionettentheater auf dem Marktplatz der Stadt.Der eine, ein Tänzer am städtischen Theater, erläutert seinem Gesprächspartner einen wenig bekannten Umstand: daß nämlich die Bewegungen einer Marionette dort, wo sie meisterhaft und natürlich sind, nicht etwa durch den Marionettenspieler bewirkt werden, sondern durch eine ausgeklügelte Hebel- und Pendeltechnik."Jede Bewegung hat einen Schwerpunkt im Innern der Figur; die Glieder, welche nichts als Pendel sind, folgen ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst." So vermag die Gliederpuppe häufig ungleich natürlichere Bewegungen hervorzubringen als die oft verkrampften lebendigen Tänzer.

Auf dieser Beobachtung ruht eine ganz neue Idee der künstlerischen und technischen Perfektion, einer Perfektion nämlich, die so vollkommen sei, daß sie am Ende natürlich wird.

Zwar erzählt die Geschichte vom Verlust der Natur und Natürlichkeit, aber das Sensationelle in Kleists Abhandlung ist dies: Er zieht nicht den üblichen Schluß, nämlich "Zurück zur Natur", sondern das genaue Gegenteil.Denn der Weg zurück ist uns versperrt, "das Paradies", wie er sagt, "verriegelt", offen ist nur der Weg nach vorn - und das ist ein Weg geistiger Mühe und Anstrengung.Kleist sagt es so: "Erst wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist", dann "stellt sich Natur wieder ein".

Das heißt nicht mehr und nicht weniger als das: Auf den Feldern von Kunst und Technik kann durch außerordentliche Anstrengung wieder der Natur nahekommen, was sich im Laufe der menschlichen Geschichte von ihr entfernt hat.

Das spannende Fazit ist in zwei scheinbar beläufige Sätze der Erzählfiguren gekleidet: "Mithin", sagt der eine, "müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen"."Allerdings", antwortet der andere, "das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt."

Was bedeutet dieses große und zunächst paradox erscheinende Wort: "wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen"? Es heißt: Nur durch außerordentliche geistige, künstlerische, technische Anstrengung werden wir der Natur wieder nahekommen.

Und Kleist zeigt auch die Richtung, in der diese Anstrengung zu gehen hat: "Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob das Paradies vielleicht von hinten irgendwie wieder offen ist."

Das heißt vor allem: Wir können nicht "zurück" ins Paradies und nicht "Zurück zur Natur" - das wäre das Ende menschlicher Zivilisation.Statt dessen ist von uns die Mühsal des Vorwärts gefordert, brauchen wir die extreme Anstrengung, brauchen wir einen Innovations-Schub ohnegleichen, um das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen.

Das heißt: das Ziel der künftigen technischen Revolution muß lauten: "Vorwärts zur Natur!" Oder - wie mir ein angelsächsischer Kollege das treffend übersetzte: "Closer to Nature!"

Das könnte ein vernünftiges und zugleich attraktives Wissenschafts- und Technik-Leitbild der Zukunft sein.Dieses Leitbild kann den jungen Menschen zeigen, daß sie eben nicht gegen die Natur freveln, wenn sie sich dem technischen Fortschritt verschreiben - daß sie dabei vielmehr auf dem Weg zur Natur sein können.

Es gibt Anzeichen, daß wir tatsächlich auf dem Weg dahin sind, auf dem Weg zu einem Closer-to-Nature-Denken.Wenn man wichtige Trends der Entwicklung zur künftigen Wissensgesellschaft einmal rabiat vereinfacht und die verfügbaren Daten und Studien zusammenfaßt, dann treten zwei Beobachtungen hervor.Der Anteil des Wissens an den Produkten wird immer größer, und der Anteil des Rohstoff- und Naturverbrauchs sinkt zum Teil drastisch.Ja, es gibt sogar international eine anschwellende wissenschaftliche Diskussion über ein noch utopisch anmutendes Ziel, nämlich den Ressourcenverbrauch und die Energienutzung um den Faktor 10 zu optimieren, also aus einer Tonne Steinkohle das zehnfache an Energie und Wohlstand herauszuholen oder einen Kubikmeter Trinkwasser zehnmal intensiver zu nutzen als bisher.

Auch passen die künftigen Querschnittstechnologien in dieses Bild, also die Techniken der Bio- und Neurowissenschaften, die neuen Werkstoffe, die Mikrosystemtechnik, die neuen Energietechniken, die Telekommunikationstechniken.Sie alle folgen der Logik der Ressourcenoptimierung, Naturschonung und Vermeidung von unerwünschten Folgewirkungen, folgen der Logik "Closer to nature".Hinzu kommt, daß ein wesentlicher Teil der künftigen Technologien - und damit auch der wirtschaftlichen Aktivitäten - zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen bestimmt ist.

Das ist die technische und auch gesellschaftliche Entwicklungslogik und kann ein Leitbild für das 21.Jahrhundert sein: nämlich durch außerordentliche innovative Anstrengung den Frieden, ja die Harmonie mit der Natur wiederzufinden.

Freilich: das ist nicht etwa schon die ganze Botschaft der Parabel.Wer das Bild vom Paradies ernst nimmt, darf es nicht einfach mit Natur gleichsetzen.

Natur ist ohne Ethik, und auch der forschende Mensch neigt zum Frevel.Wie anders ließen sich sonst jene furchtbaren Forscher erklären, die nun nach dem Schaf auch den Menschen klonen wollen und werden.Oder jene, die aus der Verschmelzung von Eizellen verschiedener Mütter einen Menschen entstehen lassen und ihm damit die Gewißheit seiner Herkunft nehmen.

Da zeigt sich das andere Gesicht der Naturnähe, ein Gesicht, das unsere neuen Romantiker vergessen haben.

Gerade deshalb ist Kleists Erinnerung an das Paradies, das wir "vielleicht von hinten irgendwie wieder offen" finden, so richtig und so wichtig.Denn das Paradies ist eben nicht nur Naturnähe, sondern auch Gebot, Verbot und Verantwortung.

Im Begriff des Paradieses ist diese Ambivalenz festgehalten.Daß die höchste Anstrengung und das radikale Wissenwollen vielleicht die Versöhnung mit der Natur noch einmal schaffen, das ist der eine Teil von Kleists Botschaft; daß aber die Verletzung der Grenzen zugleich Verstoßung bedeutet, das ist der andere Teil.Über beides sollten wir mit den jungen Leuten diskutieren.

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