Zeitung Heute : vu Déjà

Der 1. Mai in Berlin, das ist auch eine Geschichte sich wiederholender Bilder. Die Kleidung der Autonomen, zum Beispiel. Sie ist ein Anschlag auf den guten Geschmack.

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DIE ACCESSOIRES

Auch ein Autonomer braucht eine Tasche, in die er Flüstertüte, Feuerzeug und rote Fahne reinpacken kann. Was tun? Einen EastpakRucksack kaufen? Bloß nicht. Banale Plastiktüten von Supermarktketten unterstreichen die grundsätzlich antimodische Einstellung des antikapitalistischen Straßenkämpfers. Praktisch: Man kann die Tüte jederzeit in den Park werfen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird, sie kostet wenig, und hält relativ viel aus. Vorbild: Jello Biafra (1978)

DAS PALÄSTINENSERTUCH

1967 gewann Israel den Sechs-Tage-Krieg gegen seine arabischen Nachbarn, viele deutsche Studenten sympathisierten mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Als Zeichen ihrer Verbundenheit trugen sie das Palästinenser-Tuch, das später auch Pali-Feudel genannt wurde. Eigentlich heißt das Tuch „Kefije“ und soll Kopf und Nacken vor der Wüstensonne schützen. Damit es nicht wegfliegt, umschlingen es die Nomaden mit einem Tau aus Kamelhaaren. Praktisch, dass der Linksextreme es auf viele Arten costumizen kann: Es eignet sich als Halstuch, als Kopftuch, als Tasche – mit etwas Geschick kann man sogar ein Babytragetuch daraus basteln. Hauptsache, das Kuscheltuch ist schön eingetragen. Der Idealfall: Man kann es nicht mehr von den eigenen Rastas unterscheiden. Vorbild: Jassir Arafat

DIE MOTORRADHANDSCHUHE

Sie verwandeln jede Männerhand in eine gefühllose Pranke. Motorrad-Handschuhe sind nicht gemacht für feinmotorische Bewegungen wie das Öffnen von Bierflaschen, beliebt sind sie besonders bei Steinewerfern. Sie dienen als Schutzpanzer für beanspruchte Handinnenflächen (auch wegen des dauernden Tragens von Plastiktüten), und vielleicht auch als Mittel gegen Fingerabdrücke. Vorbilder: Peter Fonda und Dennis Hopper in „Easy Rider“.

DIE ARMYHOSE

Sie ist die Jogginghose für jeden, der gegen etwas kämpft – ein Minimalkonsens. Die Tarnoptik gewinnt allerdings zunehmend an Bedeutung: Eigentlich sollte die Hose im unübersichtlichen Wald nicht auffallen, jetzt fällt sie eben zwischen all den anderen Armyhosen nicht mehr auf. Etwas aufgesetzt wirken die Taschen. Das letzte Geheimnis: Was tragen Straßenkämfer drunter? Vorbild: George W. Bush beim Truppenbesuch

DIE COLLEGEJACKE

Das blousonförmige Modell stammt aus den USA und ist nicht zu verwechseln mit seinem noch hässlicheren Bruder, der Bomberjacke. Die Collegejacke sitzt auf Taille und hat Bündchen. Sie ist der Gore-Tex-Mantel des Randalierers: funktionell, unauffällig und meist in dunklen Farben gehalten. Als Dekoration eignen sich Buttons, Aufnäher, Aufbügler und sogar mit Sicherheitsnadeln festgesteckte Kleintransparente. Der entscheidende Nachteil ist, dass die Collegejacke auch schlanke Männer ungünstig proportioniert. Vorbild: Michael J. Fox in „Zurück in die Zukunft“

DIE HASSKAPPE

Bankräuber haben es vorgemacht: Die Hasskappe – also eine Kopfmaske mit zwei Löchern für die Augen – eignet sich perfekt zur Tarnung und als identitätsstiftendes Gruppenmerkmal für Mitglieder des schwarzen Blocks. Auch gesehen im Kinderskikurs und auf dem Nürburgring. Vorbild: Michael Schumacher

DIE SPRINGERSTIEFEL

Echte Springerstiefel findet man zum Beispiel bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr; die Polsterung der Spezialschuhe soll die Fußgelenke beim Aufprall auf die Erde schützen. Doch interessant wird es außerhalb des Heeres: Viele Anhänger unterschiedlicher Subkulturen tragen die Kampfstiefel – entweder mit roten, gelben, weißen oder schwarzen Schnürsenkeln. Diesen Farben wird manchmal eine Bedeutung beigemessen (manchmal auch nicht). Weiß wird der Neonazi-Szene zugeschrieben, Rot und Schwarz der Antifa. Verlassen kann sich die Polizei auf diese Zuordnung jedoch nicht. In den 80er Jahren avancierte die britische Firma Dr. Martens mit ihren Arbeitsstiefeln zum Generalausstatter der Szene. Doch seit es Dr. Martens auch mit Blümchenmotiv zu kaufen gibt und „Die Ärzte“ in dem Lied „Schrei nach Liebe“ die Textzeile „Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit“ sangen, haben offenbar viele Skinheads ihre Dr. Martens in die Rotkreuz-Sammlung getan. Nur am 1. Mai sieht man die Arbeitsschuhe mit der Gummisohle noch häufig. Vorbild: Kelly Osbourne

DAS KAPUZENSWEATSHIRT

Das Sweatshirt wurde von den Gebrüdern Abe und Bill Feinbloom erfunden. In ihrer Knickerbocker Knitting Factory produzierten sie 1920 den ersten Pulli für Sportler, den diese zum Aufwärmen und Auskühlen anziehen sollten – daher der Name „Sweatshirt“. Mitte der 30er-Jahren ließen sich Abe und Bill Feinbloom die Methode des Aufflockens von Buchstaben patentieren: Immer mehr Baseballspieler wollten den Namen ihres Vereins auf der Brust tragen. So gelangte das Sweatshirt auch an die Unis. Noch heute kann man die Original-Feinbloom-Sweatshirts unter dem Namen „Champion“ kaufen. Für Autonome besonders interessant ist der zusätzliche Vermummungsaspekt durch die Kapuze und die bequeme Passform. Innen angeraute Modelle sorgen außerdem für Behaglichkeit und eine gewisse Nestwärme. Vorbild: Thomas Schaaf

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