Zeitung Heute : W-Tarif für Lehrkörper

Barbara Bierach

Professor, das war mal was! Hatte es ein Akademiker auf eine Beamtenstelle mit C3- oder C4-Besoldung geschafft, war er quasi unkündbar, konnte schalten und walten, wie er wollte. Das halbe Jahr Semesterferien, sonst nur ein paar Stunden Lehrverpflichtung die Woche, alle paar Jahre ein Forschungsfreisemester, gelegentlich ein ermüdender Vortrag bei einem Kongress in einem touristisch attraktiven Ort, immer mal wieder ein absurd langweiliges Buch... Eigentlich störten nur die Studierenden das beschauliche Dasein.

Wer früher mit Uni-Leuten beim Bier saß, kriegte oft tolle Geschichten zu hören. Von dem einen Prof, der die Forschungsergebnisse seines Doktoranden kurzerhand als die eigenen veröffentlichte. Von dem anderen, der seiner Freundin eine Eins im Examen und eine schöne Stelle verschaffte. Oder von dem Medicus, der als Dissertation einen leicht aufgemöbelten 20-seitigen Laborbericht abgab und dennoch den Doktorentitel bekam – war er doch verdienter Assistent eines einflussreichen Ordinarius.

Tempi passati! Inzwischen sieht die Welt auf dem Campus anders aus. Unter Politikern, Professoren und Nachwuchswissenschaftlern tobt ein Streit nach dem anderen um die Dienstrechtsreform, die Juniorprofessur und Elitestudiengänge. Wir lesen gar Schlagzeilen wie „Deutsche Professoren fühlen sich unterbezahlt“, denn die Bundesländer können Ordinarien künftig nach W-Tarif bezahlen. Dabei steht das „W“ offenbar für Wettbewerb, das heißt, die Länder zahlen nach Gusto und Kassenstand – folglich kriegen die reichen Unis im Süden die besseren Köpfe. Die Besoldungsspanne zwischen Schleswig-Holstein und Bayern soll rund 6000 Euro im Jahr betragen.

Wer gut ist, wird nun nach wissenschaftlichen Erfolgen bald auf besser dotierte Stellen in Deutschland wechseln oder gar ins Ausland gehen. Die ersten Rektoren beklagen das wie einen Skandal. Seitdem jetzt noch eine neue Studie erschienen ist, laut der viele Nachwuchswissenschaftler kinderlos bleiben, weil öfter mal der Wohnort gewechselt werden muss, die Jobs unsicher sind und Kinder als Karrierekiller gelten, ist das Geheule noch lauter.

Normalsterblichen fällt es schwer, jetzt in Tränen auszubrechen, liebe Akademiker. Denn anderswo ist das schon lange so: Wer zahlt, schafft an! Gute Leute kriegen die besseren Jobs. Das richtige Leben erreicht jetzt offenbar die Universitäten. Das könnten interessante Forschungsprojekte beflügeln: Die Profs aus den Wirtschaftswissenschaften könnten Seminare für Kollegen veranstalten, in denen sie akademisch sauber herleiten, dass nicht beides zugleich geht: qualitätssichernder Wettbewerb einerseits und Einheitsbezüge andererseits. Das wird bestimmt fast so lustig wie das gute alte Professorenleben!

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