Zeitung Heute : Wachstum auf Nachfrage

Carsten Brönstrup

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hat die Wachstumserwartungen der Bundesregierung für 2006 stark nach oben korrigiert – auf bis zu 2,5 Prozent. Welche Gründe gibt es für diese positive Prognose?


Wirtschaftsminister Michael Glos ist ein Freund des forschen Wortes. Als zu Jahresbeginn bei Politikern und Ökonomen noch Konjunkturpessimismus herrschte, preschte der Franke mit einer mutigen Prognose vor: Statt des damals aktuellen Koalitionskalküls von 1,4 Prozent Wachstum werde es ein Plus von bis zu 1,8 Prozent geben, sagte er. Kurz darauf musste er aber wieder zurückrudern: Nur 1,6 Prozent seien drin, hatten ihm seine vorsichtigen Ministerialbeamten aufgeschrieben.

Dieses Mal könnte er mit seiner Annahme aber richtig liegen. Ein um zwei bis 2,5 Prozent stärkeres Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei möglich, befand er am Wochenende. Die meisten Ökonomen bleiben mit ihren Annahmen bislang zwar knapp darunter, sehen aber einen ähnlichen Trend. Wäre die Wirtschaft das ganze Jahr über so gut gelaufen wie in diesem Sommer, wären sogar Zuwachsraten von mehr als drei Prozent realistisch.

Dass es so gut laufen würde, liegt vor allem an der guten Verfassung der Firmen. Sie verdienen seit Monaten prächtig – und stecken das frische Geld in neue Maschinen und Fabriken im Inland. In diesem Jahr sind die Investitionen fast doppelt so hoch wie im vergangenen. Das bringt die Nachfrage im Inland in Schwung – und sorgt endlich für Lichtblicke auf dem Arbeitsmarkt. Seit Januar 2006 ist die Zahl der Jobsuchenden schon um fast 300 000 gesunken. Das liegt zum einen an den moderaten Lohnabschlüssen der vergangenen Jahre. Zum anderen wirken sich die Schröder-Reformen der Agenda 2010 aus. Ein Teil der zuvor Arbeitslosen muss jetzt Ein-Euro-Jobs verrichten, die im Zuge der Hartz-Reformen eingerichtet worden waren.

Daneben sorgt das Ausland für Schwung in der Bundesrepublik. Die Touristen, die während der Fußball-WM im Land waren, haben bei Einzelhändlern und Gastwirten für gute Laune gesorgt. Vor allem aber läuft der Export rund wie eh und je. Um bemerkenswerte elf Prozent wird die deutsche Ausfuhr in diesem Jahr wohl zulegen. Das liegt an der Nachfrage aus den Boomregionen dieser Erde – das sind in erster Linie China und Osteuropa. Und der um ein Viertel abgerutschte Ölpreis dürfte der deutschen Wirtschaft sicherlich im restlichen Jahresverlauf nicht schaden.

Sicher ist, dass es im kommenden Jahr nicht ganz so gut laufen wird wie 2006 – vor allem wegen der höheren Steuern. Die Volkswirte rätseln noch, wie stark Konsum und Binnenwirtschaft davon geschwächt werden. Die Pessimisten, etwa das Institut für Wirtschaftsforschung Halle, warnen vor einer Halbierung der bisher prognostizierten Wachstumsrate auf 0,8 Prozent. Gelassener ist das Ifo-Institut, das 1,7 Prozent sieht. Die Spanne ist so groß, weil die Experten mit einer Mehrwertsteuererhöhung um gleich drei Prozentpunkte keine Erfahrung haben. Auch der Wirtschaftsminister nicht – über seine Erwartungen für 2007 hat er noch nichts gesagt.

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