Zeitung Heute : Wachstum ist möglich

Kindergärten und Schulen sollen besser gefördert werden. Was nützt es dem Staat, wenn er bei Kindern in die Bildung investiert?

Antje Sirleschtov

Der Besuch eines guten Kindergartens ist nicht nur für die Kleinen selbst gut. Er wirft auch für den Staat eine ordentliche Rendite ab. Oder andersherum: Ein Euro, den Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) in den Ausbau von Kita-Einrichtungen steckt, ist dort sogar besser angelegt, als ein Euro, der in den Abbau von Altschulden gesteckt wird. Beim Schuldenabbau spart der Staat rund vier Prozent an Zinsen, der Kita-Euro jedoch bringt acht Prozent Rendite.

Das haben die Wissenschaftler des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ausgerechnet. Im Auftrag einer Vereinigung deutscher Unternehmen, der „Wissensfabrik“, entwickelte das IW ein Konzept für „frühkindliche Bildung“, berechnete die staatlichen Kosten dafür und stellte diese in Bezug zum mittelfristigen Nutzen für den Staat und die Volkswirtschaft. Herausgekommen ist dabei: „Investitionen in frühkindliche Bildung rechnet sich“, wie es einer der Initiatoren der „Wissensfabrik“, BASF-

Vorstandschef Jürgen Harmbrecht ausdrückt. Denn schon kleinen Kindern Bildungschancen zu öffnen, sei nicht nur ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit, wie der Spitzenmanager und Vater von vier Kindern sagt. Frühe Bildung erspare der Volkswirtschaft auch teure Nachschulungen und hohe Kosten für spätere Arbeitslosigkeit. Und letztlich sei auch und gerade ein Land wie Deutschland im 21. Jahrhundert auf nichts so stark angewiesen wie auf die Bildung seiner Kinder und späteren Erwachsenen.

Ähnlich wie am Tag zuvor Unicef beurteilen auch die Unternehmer die Bildungssituation in Deutschland nur als mittelmäßig. Von „klein, klein“ spricht der BASF-Chef, wenn er die föderal zersplitterte Schul- und Kinderbetreuungsstruktur in Deutschland beurteilt. Auch die Familienpolitik der Bundesregierung sei – mal abgesehen von den persönlichen Zielsetzungen der Familienministerin – „eher nicht sehr konstruktiv“. Die Regierung habe den Ernst der Lage nicht richtig erfasst: Dass Deutschlands Kinder zu wenig gefördert würden und somit das volkswirtschaftliche Wachstum in einigen Jahren behindert werde. Ganz abgesehen davon, dass die Unternehmen schon jetzt die negativen Auswirkungen des Fachkräftemangels spürten. Jedes siebte deutsche Unternehmen habe zurzeit Probleme, Fachkräfte zu finden, die deren Aufträge abarbeiten können, 22 000 Ingenieurarbeitsplätze können wegen fehlender Bewerber nicht besetzt werden. Harmbrecht beklagt auch, dass immer mehr Schulabgänger nicht fehlerfrei lesen, schreiben und rechnen können. Der eindringliche Aufruf der Unternehmer lautet deshalb: Bund, Länder und Kommunen müssen an einen Tisch und in Zukunft massiv in den Ausbau frühkindlicher Bildung investieren.

Wie das im Einzelnen aussehen könnte, zeigt die Studie des IW. Darin heißt es, jedes Kind solle mit drei Jahren, zumindest jedoch mit vier Jahren einen Kindergarten – im optimalen Fall für täglich sechs Stunden – besuchen. Der Staat solle vor einer Kindergartenpflicht nicht zurückschrecken, den Eltern jedoch die Wahl der Einrichtung lassen. Und: Der Kindergartenbesuch müsse für die Eltern kostenlos sein. Weil Kindergärten nicht nur Aufbewahrungseinrichtungen sein sollten, fordern die Wissenschaftler kleinere Kindergruppen und massive Investitionen in die Qualifizierung der Betreuer. Alles in allem veranschlagen die IW-Wissenschaftler dafür rund 4,6 Milliarden Euro an Investitionen.

Nach den Vorstellungen der Studie soll der Schulbeginn um ein Jahr vorgezogen werden. Auch hier mahnen die Wissenschaftler, den Nachwuchs nicht vor dem Mittagessen nach Hause zu schicken und die Nachmittagsbetreuung nicht dem elterlichen Zufall zu überlassen. Ganztagsschulen seien das Modell der Zukunft, schreiben die Wissenschaftler. Weitere fünf Milliarden Euro jährliche Zusatzkosten sieht das IW im Grundschul-Ganztagsbereich, inklusive Mittagessen, auf den Staat zukommen.

Diese Investition von rund 10 Milliarden Euro pro Jahr in gebührenfreie Kindergartenplätze, bundesweite Bildungsstandards und höher qualifiziertes Personal erbringe 4,2 Milliarden Einsparungen jährlich, heißt es in der Studie. Die Einsparungen für den Staat gehen demzufolge auf weniger Nachqualifizierung für Kinder und Jugendliche zurück. Hambrecht sagte, es entstehe „ein Einnahmeplus von 14 Milliarden Euro pro Jahr bis 2050, weil besser ausgebildete Beschäftigte weniger von Arbeitslosigkeit betroffen sind“. Die Weichen für ein erfolgreiches lebenslanges Lernen würden früh gestellt. Die Pisa-Bildungsstudie habe gezeigt, dass Kinder, die im Kindergarten waren, in der Schule besser seien. „Für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit unseres Landes ist Wissen der Treibstoff“, sagte Hambrecht. Die Politik müsse die Tragweite dieser Erkenntnis erkennen und handeln. Denn die Renditen werden einige Jahre auf sich warten lassen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!