Zeitung Heute : Wachstum wie im Schulbuch

Der Verlag Cornelsen trotzt dem rückläufigen Markt – und stellt mitten in der Baisse Leute ein

Ralf Schönball

Diese Branche ist voller Widersprüche: Da gehen Nachfrage und Finanzmittel zurück – aber der Cornelsen-Verlag ist auf Wachstumskurs. Da gilt das Streichen von Stellen als Mittel der „Umstrukturierung“ in Krisenzeiten – aber der Cornelsen-Verlag stellt auch in diesem Jahr wieder zwei Dutzend neue Redakteure ein. Sind die Gesetze in diesem Segment der Buch- und Verlagsbranche außer Kraft gesetzt – oder wie kommt es sonst zu der Erfolgsgeschichte dieses traditionellen Berliner Verlages mit Sitz im bieder-beschaulichen Wilmersdorf?

Das Büro von Wolf-Rüdiger Feldmann ist so, wie man es bei einem Geschäftsführer erwartet: zwei Tische, t-förmig zusammengeschoben mit Stapeln von Mappen und Akten. In einigem Abstand davon ein Besprechungstisch. Ein Stehpult voller Bücher. Nur der Punchingball irritiert. Ist er ein Mittel zum Aggressionsabbau? „Nein, es war der Hinweis, dass ich mich besser fit halten soll“, sagt Feldmann, dem eine Mitarbeiterin das Sportgerät einmal schenkte.

Mit Aggression wäre Feldmann in diesem Unternehmen und in dieser Branche auch nicht so weit gekommen: Drei andere Geschäftsführer sind ihm an die Seite gestellt. Und 780 Mitarbeiter, die meisten feinsinnige Geisteswissenschaftler. Diese als „Humankapital“ zu begreifen, wie es im Managerjargon gerne heißt, käme Feldmann nicht in den Sinn. Über Teams und Konflikte sagt er lieber: „Gerade aus widerstreitenden Positionen lassen sich oft hervorragende Ergebnisse erzielen.“ So bewertet er die Arbeit im Chef-Team. So bewertet er aber auch „die Menschen im Verlag – sie sind die wichtigste Ressource, die wir haben“.

Sätze wie dieser sind in der Wirtschaft eher selten zu hören. Doch sie fallen an der Spitze eines Bildungsverlags gleichsam notgedrungen: Ein Programm zum Erwerb einer Fremdsprache zum Beispiel hat etwa 300 Bestandteile, weil Material für sechs Jahrgangsstufen, für Schüler und Lehrer in Form von Texten, Bildern, Videos und Software entwickelt werden muss. Dieses Fachwissen muss der Redakteur bei der Anleitung von Autorenteams portionieren und runterbrechen. „Das erfordert Know-how, das nicht ständig am Markt verfügbar ist“, sagt Feldmann. Deshalb sei die Fluktuation bei Cornelsen gering. Auch er ist 30 Jahre im Unternehmen. Er habe „ein bisschen Inventarcharakter“, sagt er.

Eine Karriere im Unternehmen bis zur Spitze hinauf – für „Eigengewächse“ endet der Werdegang in vielen Firmen heutzutage bestenfalls im mittleren Management. Liegt diese andere Kultur vielleicht daran, dass Cornelsen lange ein „inhabergeführtes“ Unternehmen war, dessen Gründer Franz Cornelsen erst im Jahr 1989 starb? Nein, sagt Feldmann, der Schulbuchverlag stehe unter dem Dach einer Holding, die selbst als Unternehmensstiftung organisiert ist. Die einzelnen Unternehmen, zu denen seit diesem Jahr auch Duden gehört, werden zwar auf Erträge eingeschworen – „aber es zieht niemand Geld aus der Gruppe“.

Die Aufstiegschancen der Mitarbeiter im Betrieb sind wohl eher durch ein anderes Cornelsen’sches Gesetz zu erklären: Der Bereitschaft zu Veränderungen, ob es nun den Arbeitsort betrifft – Feldmann und viele andere zogen dreimal um in ihrer Karriere – oder die Zuständigkeit. Wenn man sich darauf verständige, „sichert die personelle Kontinuität das Wissen und damit den Erfolg“, sagt er.

Damit ist der Berliner Verlag gut gefahren: Er ist vielleicht der Primus unter den drei großen Pares der Branche, zu denen die Klett-Gruppe in Stuttgart sowie Westermann-Schrödel in Braunschweig gehören. Weil alle drei um einen schrumpfenden Markt kämpfen, wächst nur, wer Marktanteile der Konkurrenz erobert. Denn die Zahl der Schüler geht zurück. Und infolge der Krise schrumpfen auch die Mittel von Ländern, Kommunen und Gemeinden, die die Schulbücher zum größten Teil finanzieren. Der Ruf nach mehr Bildung erschalle zwar oft, mehr ausgegeben werde dafür aber nicht.

www.cornelsen.de

Wenn man sich darauf verständigt, dass niemand an Pfründen festhält und Veränderungen jederzeit möglich sind, dann ist personelle Kontinuität in einer Firma möglich und sichert Wissen und Erfolg.“

Wolf-Rüdiger Feldmann,

Geschäftsführer

Cornelsen-Verlag

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