Zeitung Heute : Wachstumsressource Mensch: Blended Learning - die neue Art zu lernen

Lars-Peter Linke

In Orlando, Florida, scheint immer die Sonne. Auch nach kräftigen Gewittern klart es schnell wieder auf: Eine bessere Wetterlage hätte sich die Jahreskonferenz der ASTD (American Society for Training & Development), das weltweit größte Treffen der Trainer und Personalverantwortlichen vergangene Woche (3. bis 7. Juni) kaum wünschen können. Nach der Talfahrt am Neuen Markt und der großen Verwirrung, die der rasante Aufstieg des E-Learning der traditionellen Trainerzunft bescherte, schauen die Personalverantwortlichen selbstbewusst in die Zukunft: Das Zusammenwachsen der Märkte verstärkt die Bedeutung der "Wachstumsressource Mensch".

Einen Königsweg für die richtige betriebliche Weiterbildung und Entwicklung konnten die 245 Einzelvorträge nicht aufzeigen. Dafür gab es viele Antworten, wie E-Learning in "klassische" Weiterbildungsstrategien (Seminare, Coaching) integriert werden kann. Die Polarisierung zwischen technikorientierten Befürwortern des computergesteuerten Lernens und "klassischen" Trainern löst sich in friedliche Kooperation auf: "Das eine tun, ohne das andere zu lassen", heißt nun die Devise.

Mickey Mouse persönlich ließ es sich nicht nehmen, die gut 11 000 Besucher aus 76 Ländern (davon 70 aus Deutschland) zu begrüßen. Kein Wunder, drehte sich doch auch auf der fünftägigen Konferenz (fast) alles um das Lernen mit der Maus. Den vielen Anglizismen wie E-Learning, CBT und WBT (Computer- beziehungsweise Web Based Training) gesellt sich ein neues Trendwort hinzu: Blended Learning ("vermischte" Lernformen). Der Terminus bezeichnet die Verbindung des Lernens am Bildschirm mit anderen Medien (Audio- und Videocassette, Bücher und Handouts) und Training außerhalb des Cyberspace: Seminare, Konferenzen, Einzelcoaching und ähnliches.

Mittlerweile hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass auch das beste E-Learning-Programm nutzlos bleibt, wenn es den Lerner einsam und allein am Bildschirm büffeln lässt. Eine Studie der ASTD zeigt, dass E-Learning nur dann den erhofften Lernerfolg bringt, wenn die Unternehmen bei aller Technik-Begeisterung das "interne Marketing" nicht vergessen. Immerhin 38 Prozent von 714 Befragten gaben auf der Konferenz an, dass sie das Lernen am Computer dem klassischen (Klassenraum-)Training vorziehen. Allerdings: Im Durchschnitt nehmen nur 60 Prozent aller Mitarbeiter, denen E-Learning angeboten wird, auch tatsächlich an den Kursen teil.

Elliot Masie, "E-Learning-Guru" und Co-Autor der Studie, animiert die Unternehmen, die auf E-Learning setzen, viel mehr Aufklärung in eigener Sache zu betreiben: "Wir wissen, wie viel Broschüren, Kataloge, Einladungsschreiben und Telefonanrufe man benötigt, um Präsenztrainings füllen zu können. Dieser Aufwand wird beim E-Learning tendenziell unterschätzt." Auch die Hoffnung, das Lernen vom Arbeitsplatz auf den Computer zu Hause und außerhalb der Arbeit verlegen zu können, bleibt Illusion: Nur 21 Prozent der befragten Lerner würde gerne zu Hause lernen.

Angesichts dieser Zahlen scheint die Aufforderung des Bestseller-Autors und Management-Gurus Tom Peters ("Der Innovationskreis"), innerhalb der nächsten zwei Jahre 90 Prozent der Trainingaktivitäten auf das Internet zu verlagern, wenig realistisch zu sein.

Die E-Learning-Euphorie ist augenscheinlich durch gesunden Realismus abgelöst worden. Durchaus möglich, dass dieser Pragmatismus auch durch die Erfahrungen der unzähligen Internet-Startups, die von "Dot-coms" zu "Dot-Gones" mutierten, geprägt wird. "Back to the Basics" - "Blicken wir wieder auf das Wesentliche" lautete auch die Botschaft von Bill Taylor, Herausgeber des Kult-Business-Magazins "Fast Company": "Wir leben in einem Zeitalter, in dem es von allem zu viel gibt".

Nicht Material und Produktion verleiht einem Unternehmen den entscheidenden Vorsprung, sondern das Wissen und Können der Mitarbeiter: Eine Botschaft, die mitten in das Herz eines jeden Personalentwicklers trifft. Und es gibt noch viel zu tun, die Aufgaben werden komplexer. "Führungskräfte von heute müssen sich bewusst sein, dass sie auch nicht alle Antworten parat haben", schreibt Tom Peters den Top-Leadern ins Lerntagebuch. Das trifft vor allem auf die Integration neuer Technologien in den Arbeitsablauf zu: Laut einer Untersuchung des "Center for Creative Leadership" sehen 72 Prozent von 564 befragten Führungskräften darin die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Um die Herausforderung annehmen und bestehen zu können, müssen Führungskräfte und ihre Mitarbeiter erheblich lernen. Das heißt vor allem: Lernen, neu zu lernen.

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