Zeitung Heute : Wächter der Moscheen

300 Autos für einen Ausflug, Frauen, Glücksspiel – und dann, als König, machte Fahd aus seinem armen Wüstenreich eine Macht

Birgit Cerha

Das saudische Radio unterbricht seine Sendung. Mit düsterer Stimme verkündet der Sprecher des Königshofes den Tod von König Fahd, gestorben in einem Krankenhaus in Riad nach langer Krankheit. „Gott gestattet nun dem Wächter der beiden heiligen Moscheen mit großer Güte und Vergebung, in den Weiten des Himmels zu wohnen“, sagt er. Sänger rezitieren Koranverse. Das Fernsehen zeigt Bilder aus Mekka. Weltweit planen Staatsoberhäupter ihre Reisen zum Begräbnis. Und dann, nur wenige Stunden nach dem Ableben seines Führers, ernennt das Haus Saud auch schon den neuen Herrscher: Kronprinz Abdullah, Fahds Halbbruder, Sohn einer der 235 Frauen des Gründers von Saudi-Arabien. Die saudischen Prinzen demonstrieren reibungslose Kontinuität, und das Volk zollt Respekt.

23 Jahre hat Fahd geherrscht – und seinem bitterarmen Wüstenreich den Eintritt in die Reihen der Wirtschaftsmächte verschafft. Als Fahd noch jung war, hätte das wohl kaum einer für möglich gehalten. Der achte von 45 Söhnen galt damals schlicht und einfach als Playboy. Die westliche Boulevardpresse präsentierte ihn oft als Inbegriff des durch Petrodollar zu Reichtum gelangten Wüstensohns, der diesen Reichtum – ungeachtet seiner puritanischen Religion – auch nach Kräften auskostete, zumindest im Ausland. Es gab da zum Beispiel das Bild des jungen Prinzen, wie er spätnachts aus einem Kasino an der französischen Riviera wankte, mit einer hübschen Schauspielerin an jedem Arm. Im spanischen Marbella, wo er eine Sommerresidenz hatte, erregte er Aufsehen, weil sein Hofstaat täglich Millionen für Freizeitvergnügen ausgab. Für einen „Familienausflug“ ließ er einmal gleich 300 silberfarbene Limousinen mieten.

Die Dokumente des ausschweifenden Luxuslebens – von Affären mit Bauchtänzerinnen in Beirut oder Marathonspielnächten in Monte Carlo – gelangten nur unter höchster Geheimhaltung nach Saudi-Arabien. Dort aber geriet Fahd in einen schweren Konflikt mit seinem tiefreligiösen und puritanischen Bruder Faisal, der ihn wegen seiner Disziplinlosigkeit öffentlich demütigte. In den Medien kursierten später Gerüchte, dass Fahd Faisal aus Rache nach dem Tod getrachtet hatte – 1975 wurde der dann nämlich ermordet. Bewiesen ist das bis heute nicht.

Fahd wurde Kronprinz. Und plötzlich bewies er diplomatische Fähigkeiten. Im eigenen Land setzte er ein Reformkonzept in Gang, das das starre System etwas lockern, demokratisieren sollte. Er weckte Hoffnungen. „Bevor er den Thron bestieg, war ich einer seiner führenden Unterstützer“, bekannte der Chefredakteur einer führenden saudischen Tageszeitung. Während seiner Regentschaft aber „wurde er zur größten Enttäuschung seines Landes“. Kritiker warfen ihm unglaubliche Faulheit vor. Selbst als König habe er nicht einmal die wichtigsten Dokumente gelesen.

„Dennoch hat unter Fahd in Saudi-Arabien eine neue Periode begonnen, mit positiven und negativen Entwicklungen“, sagt ein liberaler saudischer Intellektueller. Offen wie nie zuvor ging ein saudischer Herrscher auf die westliche Supermacht USA zu, „ohne Hemmung, ohne diese Politik intern zu verschleiern oder außenpolitisch ein Gegengewicht zu setzen“. Und die Beziehung hält bis heute, obwohl sie erschüttert wurde, nachdem sich herausgestellt hatte, dass 15 der 19 Attentäter vom 11. September saudi-arabische Staatsbürger waren. US-Präsident Bush hat gerade im April erst den bisherigen Kronprinzen und jetzigen Herrscher auf seine Ranch nach Texas eingeladen, wo die beiden dann Hand in Hand einherschlenderten – ein Zeichen für bestes Klima in der Bildsprache der US-Diplomatie.

Saudische Kritiker wiederum nennen dieses Verhältnis gerne Abhängigkeit. Am stärksten trat sie 1990 zutage, nach Iraks Invasion in Kuwait, als Fahd sich islamistischen Kräften widersetzte und Zehntausenden „Ungläubigen“ gestattete, von Saudi-Arabien aus die Truppen Saddam Husseins aus Kuwait zu verjagen. Viele Saudis meinen heute, dass hier die Wurzeln für die Probleme mit dem Terror liegen. Denn es war die Präsenz der Ungläubigen in der „Wiege des Islam“, die Osama bin Laden als Vorwand für seinen Feldzug gegen den Westen nahm.

Aber es gibt noch eine andere Wahrheit. Und die besagt: Saudi-Arabien macht das Terrorproblem selbst. Dessen religiöse Plattform ist die saudische Variante des Islam, der so genannte Wahabismus – eine sehr strenge, intolerante Variante, zu der sich auch die Al-Qaida-Mitglieder bekennen. Wahabiten wenden sich gegen jeden fremden Kultureinfluss und gegen unabhängige Wissenschaft. Frauen haben kaum Rechte, sie dürfen nicht einmal Auto fahren. „Tötet die Ungläubigen, wo ihr sie zu fassen bekommt“, lautet das Motto der Extremisten unter den Wahabiten. In Saudi-Arabien ist der Wahabismus heute Staatsreligion, und so fördert er, mit den typischen saudischen Unmengen von Geld, dem Wahabismus nahe stehende Organisationen weltweit. Saudi-Arabien ist zur Islamismus-Exportnation geworden.

Nicht jedes dieser Phänomene ist auf Fahds Wünsche und Vorstellungen zurückzuführen, aber er hat diesem System vorgestanden und muss sich zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, er habe religiösen Hardlinern zu lange freie Hand gelassen. Tatsache ist aber auch: Saudi-Arabien ist seit 2003 selbst im Visier der Al Qaida. Bei Anschlägen sind mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Ausländer, die ein Drittel der 23 Millionen Einwohner stellen. Und deshalb führt auch Saudi-Arabien seinen Kampf gegen Extremisten. Zuletzt hat die Polizei im April 14 Aktivisten getötet und im Juli den Vizechef der Al Qaida im Land.

Fahd galt eigentlich als Liberaler im Königshaus. Doch seit seiner Machtübernahme präsentierte er sich mehr und mehr als orientalischer Herrscher alten Stils. Er legte die westliche Kleidung ab und trat stets in der fließenden, weißen Robe der Wüstensöhne auf, der „mishlah“, samt in Gold gefasstem kamelfarbenem Cape. Details aus seinem Privatleben wurden kaum bekannt. Man weiß, dass er mit einem geschätzten Vermögen von rund 48 Milliarden Euro einer der reichsten Männer der Welt war, was ihm auch den Vorwurf einbrachte, höchst korrupt zu sein. Er soll drei Frauen gehabt haben und sieben Söhne; Töchter werden grundsätzlich nicht erwähnt. Und er war sehr gläubig. Um Saudi-Arabiens Rolle und seine eigene zu stärken, gab Fahd sich schließlich den Titel „Wächter der heiligen Moscheen“ – gemeint sind Mekka und Medina – , zu denen jährlich drei Millionen gläubige Muslime pilgern. Unter ihnen gewann er weltweit großes Ansehen.

Fahd hat aber auch weitreichende Reformen in der Wirtschaft und der Landwirtschaft angepackt. Die Bevölkerung dankte ihm, dass er den unter seiner Herrschaft gewachsenen Reichtum auch in den Bildungssektor investieren ließ. So können heute 80 Prozent der Männer und 77 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Die Lebenserwartung ist auf 67 Jahre für Männer und 71 für Frauen angestiegen. Aber: Auch Fahd konnte das Problem der wachsenden Arbeitslosigkeit nicht lösen. Immer noch hängt die saudische Wirtschaft in hohem Maße von ausländischen Arbeitskräften ab, während rund 20 Prozent der männlichen Saudis keine Arbeit finden.

1995 erlitt Fahd einen Schlaganfall, Kronprinz Abdullah übernahm stellvertretend die Regentschaft, aber das Land verfiel in eine politische Stagnation. Abdullah hat sich Reformen verschrieben, die er nun als König weit eher durchzusetzen vermag. Doch die mächtigen Prinzen des Hauses Saud werden ihm wahrscheinlich auch in dieser Position Grenzen setzen. Über allem steht die Erhaltung der Macht des Königshauses.

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