Zeitung Heute : Wächter zwischen den Wüsten Euphrat-Pappeln in China stoppen den Sand

Andrea Puppe
Bedroht. Der Zustand der Pappeln zeigt, wie es um die Natur steht. F.: TUB/Kleinschmit
Bedroht. Der Zustand der Pappeln zeigt, wie es um die Natur steht. F.: TUB/Kleinschmit

Die Euphrat-Pappel ist eine erstaunliche Pflanze. Salz macht ihr nichts aus, sie gedeiht selbst in extrem trockenen Gegenden. Das macht sie in den Tugai-Wäldern im Westen Chinas unentbehrlich. „Diese Auenwälder entlang des 2000 Kilometer langen Flusses Tarim verhindern, dass sich zwei riesige Sandwüsten vereinen“, erläutert Professorin Birgit Kleinschmit vom Fachgebiet Geoinformation in der Umweltplanung der TU Berlin. Sie forscht seit 2003 an diesem längsten Binnenfluss der Erde. Im Moment ist sie am internationalen Projekt Sumario („Sustainable Management of River Oases along the Tarim River“) beteiligt, das eine nachhaltige Landnutzung im Tarim-Becken skizzieren soll.

Die karge Gegend im Gebiet Xinjiang wird von der weltweit zweitgrößten Sandwüste, der Taklamakan-Wüste, geprägt. Seit Jahrzehnten wächst sie sehr schnell. Das liege vor allem an der extensiven Landwirtschaft, die von der chinesischen Zentralregierung forciert wurde, berichtet die Forstwissenschaftlerin und Geoinformatikerin. Die Regierung siedelte seit den 1960er-Jahren Han-Chinesen am Oberlauf des Tarim-Flusses an. Sie bauten großflächig wasserbedürftige Baumwolle an. Die Vegetation am Unterlauf degenerierte, die einst artenreichen Flussoasen verwandelten sich in Sandwüsten. Auf den versalzenen, versandeten Böden wurde Landwirtschaft unmöglich, die Bauern mussten jahrtausendealte nachhaltig bewirtschaftete Oasen aufgeben.

Im neuen Jahrtausend erkannte die chinesische Regierung das Problem. Sie baute Dämme, um das Gletscherwasser zu kanalisieren, die den Fluss speisen. Helfen sollte auch ein eigens angelegter Kanal, der Wasser aus einem anderen Fluss heranführte. Doch haben diese Projekte langfristig Sinn? Und wenn nicht – was wirkt nachhaltiger? Diesen Fragen geht das vom Bundesforschungsministerium mit 7,7 Millionen Euro finanzierte Vorhaben nach. Naturwissenschaftler, Ingenieure und Ökonomen mehrerer deutscher Universitäten suchen mit ihren chinesischen Kollegen nach Lösungen.

Um die Veränderungen der Vegetation besser beurteilen zu können, baut die Arbeitsgruppe um Birgit Kleinschmit ein fernerkundungsgestütztes Monitoring auf: „Wir machen einerseits terrestrische Untersuchungen, schauen uns also den Zustand der Auenwälder vor Ort an“, sagt die Forscherin. „Auf der anderen Seite entwickeln wir automatisierte Analysemethoden, die den Zustand der verkümmernden Tugai-Wälder auf der Basis von drei Satellitensensoren mit unterschiedlich hoher räumlicher Auflösung dokumentieren.“

Die Aufnahmen vor Ort dienen dabei zur Kalibrierung der Fernerkundungsaufnahmen. An zwei Stationen – eine mit noch gesundem Tugai-Bestand, die andere deutlich geschädigt – messen chinesische Forscher im Abstand von drei bis vier Wochen zum Beispiel die Dichte der Baumkronen. Für sie ist das ein wichtiger Hinweis darauf, wie gut es der Euphrat-Pappel in dem jeweiligen Gebiet geht. „In Berlin werden die Satellitendaten ausgewertet“, sagt Kleinschmit. „Man kann aus ihnen sehr gut raum-zeitliche Muster erkennen, wie zum Beispiel den Zusammenhang zwischen der Dichte der Pappelbestände und dem Abstand zum Fluss.“ Ihre Erkenntnisse werden dazu beitragen, Empfehlungen für eine nachhaltige grüne Zukunft am Tarim-Fluss zu erarbeiten. Ohne die Pappel geht es nicht. Denn da, wo die letzte Euphrat-Pappel stirbt, ist auch kaum noch anderes Leben möglich. Andrea Puppe

http://www.geoinformation.tu-berlin.de/index.php?id=240

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