Zeitung Heute : Wählen nach Zahlen

Die Entscheidung am 18. September scheint wieder offen – doch ob es Schröder reicht, ist fraglich

Albert Funk

Rund eine Woche vor der Bundestagswahl hat eine mögliche schwarz-gelbe Koalition ihre Mehrheit in den Umfragen verloren. Wie könnte sich Deutschland in einer Woche entscheiden und welche Koalitionsmöglichkeiten könnte es geben?

Er oder sie – Gerhard Schröder scheint in der Schlussphase des Bundestagswahlkampfes mit seinem Kalkül richtig zu liegen, die Auseinandersetzung als Wettkampf zweier Personen zu gestalten. Oder in der Diktion der SPD-Wahlkämpfer: Einer, der es kann, gegen eine, die es nicht kann. Das TV-Duell passte genau in diese Strategie, die auf den Kanzlerbonus setzt und darauf, dass eine Frau an der Spitze als Novum manche Wähler doch unsicher lässt.

Der neueste Deutschlandtrend im Auftrag von ARD-„Tagesthemen“ und Tagesspiegel belegt diese von der SPD berechnete Entwicklung, die sich ja auch schon 2002 erfüllte. Denn das TV-Duell vom vergangenen Sonntag konnte Schröder klar für sich entscheiden: 47 Prozent sehen ihn als Sieger, für 30 Prozent dagegen hat Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel gewonnen. Dass dies auch eine entsprechende Nachberichterstattung der Medien reflektiert, zeigt schon die Tatsache, dass von den Befragten, die das Duell gar nicht sahen, 39 Prozent Schröder als Sieger empfinden, aber nur 10 Prozent Merkel.

Der Kanzler jedenfalls mobilisiert spät im Wahlkampf seinen Amtsbonus: 54 Prozent würden sich bei einer Direktwahl jetzt für ihn entscheiden (plus sechs Punkte), nur noch 35 Prozent für Merkel (minus sieben). Schröder gilt nun wieder als tatkräftiger und bürgernäher als Merkel. Auch scheint die zweite Personalisierung zu wirken – die gegen den „Professor aus Heidelberg“. Denn auf die Frage, wer eine gute Steuerpolitik betreibe, legt die SPD 12 Punkte zu und erreicht nun wie die Union 35 Prozent. Der Angriff auf Paul Kirchhof war also erfolgreich.

Doch kann der Kanzler den Trend noch umbiegen und das Ergebnis von 2002 wiederholen, wie er es nun als Ziel ausgegeben hat? Es ist eher zweifelhaft. Denn sein Kompetenzhoch nach dem TV-Duell erscheint nicht nachhaltig. So liegt Merkel bei der generellen Frage, wer denn für die Zukunft die richtigen Konzepte hat, mit 33 zu 30 immer noch knapp vor dem Kanzler. Gegen den Kanzlerwunsch spricht auch, dass selbst unter den SPD-Anhängern 53 Prozent nicht glauben, dass er nochmals Kanzler wird. Von allen Befragten meinen nur 26 Prozent, Schröder könne es nochmals schaffen – das ist zwar ein Plus von fünf Punkten im Vergleich zur Vorwoche, aber Merkel sehen eben immer noch 67 Prozent im Kanzleramt. Diese Eindeutigkeit wird eine Rolle spielen, wenn die Wähler am Sonntag in einer Woche überlegen, ob sie zur Wahl gehen und wen sie wählen. Dann wird vielen Schröder-Sympathisanten klar geworden sein, dass er eben so gut wie keine Chance auf eine dritte Amtszeit hat. Und die meisten Bürger sehen die Wahl auch gar nicht als das von Schröder angepeilte Personalplebiszit. Denn 76 Prozent sind der Meinung, dass es bei der Wahl nicht darum gehe, wer Kanzler wird, sondern darum, welche Partei den Kanzler stellt.

Gegen Schröders Traum vom Umschwung in letzter Minute spricht auch, dass mittlerweile die Zahl der Unentschiedenen massiv geschrumpft ist. Es deutet also vieles darauf hin, dass das nun erreichte Umfrageergebnis in etwa dem entspricht, was am 18. September auch tatsächlich zu erwarten ist. Wobei auffällt, dass vor allem Anhänger von FDP (26 Prozent) und Grünen (20) noch nicht endgültig festgelegt sind. Bei SPD (15) und Union (12) ist das Bild klarer.

Auch der Blick zurück auf 2002 zeigt, dass der Sprint von Schröder und der SPD wohl zu spät angezogen wurde. Damals hatten es die Sozialdemokraten geschafft, nach Fluteinsätzen des Kanzlers und den siegreichen TV-Duellen gegen Herausforderer Edmund Stoiber ihren Rückstand aufzuholen. Nur hatte die SPD damals gut eine Woche vor der Wahl die Union überholt und Rot-Grün lag vor Schwarz-Gelb. Nun hat die Union noch immer einen Vorsprung von sieben Punkten, Schwarz-Gelb liegt ebenfalls knapp sieben Punkte vor SPD und Grünen. Die eine verbleibende Woche wird also kaum reichen, diesen Rückstand wettzumachen.

Doch Tatsache ist auch: Nach den aktuellen Umfragen reicht es auch für Schwarz-Gelb nicht. So wird in der letzten Wahlkampfwoche die Koalitionsdebatte ganz weit nach vorn rücken und mit ihr die Frage, welche Kombination die Deutschen regieren soll. Hier liegt bei den Befragten im Deutschlandtrend die große Koalition (36 Prozent) vor Schwarz-Gelb (29), während Rot-Grün abgeschrieben (19) und Rot-Rot-Grün (8) unpopulär ist.

Union und FDP werden daher alles daransetzen, für klare Mehrheiten zu werben. Und sie werden Zweifel streuen, ob die SPD wirklich nicht zu einem Bündnis mit der Linkspartei bereit ist. Merkel und ihre Partei werden zudem den klaren Kompetenzvorsprung bei den Themen Wirtschaft und Arbeit herausstreichen. Die zuletzt schwächelnde FDP kann zudem dank des geschickt auf das Wochenende vor der Wahl gelegten Parteitags mit Aufmerksamkeit rechnen und die möglicherweise entscheidenden Punkte holen mit der Warnung vor einer „lähmenden“ großen Koalition. Dagegen könnten die Grünen Probleme mit der Mobilisierung bekommen, weil sie letztlich keine realistische Machtbeteiligungsperspektive aufzeigen können.

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