Währungskrise : An der Schwelle

Lange Zeit galten sie als Geheimtipp auch für deutsche Anleger – Schwellenländer wie die Türkei oder Brasilien. Während in Europa die Zinsen vor sich hin dümpelten, weil die Europäische Zentralbank die geldpolitischen Zügel als Wiederaufbauhilfe für Banken und Euro-Staaten nach der Finanzkrise bewusst locker lässt, lockten in den aufstrebenden Volkswirtschaften deutlich attraktivere Renditen – mit beherrschbaren Risiken, wie es hieß. Ein Irrtum, wie sich jetzt herausstellt.

Denn die Mär vom leicht verdienten Geld wird soeben ein weiteres Mal entzaubert. Die türkische Lira, der südafrikanische Rand und der russische Rubel verlieren dramatisch an Wert. Verzweifelt versuchen die Notenbanken in der Türkei, in Brasilien und in Südafrika, den Verfall aufzuhalten. Doch auf der anderen Seite steht ein mächtiger Kontrahent: die amerikanische Notenbank Fed. Und die nimmt auf die Not der Schwellenländer keine Rücksicht.

Die US-Wirtschaft ist auf Wachstumskurs, die Notenbank will die Geldflut eindämmen, damit keine Blasen entstehen. Deshalb fährt die Fed ihr milliardenschweres Programm, mit dem sie einheimische Staatsanleihen aufkauft, zurück. Für Investoren heißt das: steigende Zinsen und das Signal, dass es sich wieder lohnt, Geld nicht in Brasilien oder Russland, sondern in den Vereinigten Staaten anzulegen. Treiben die USA damit die Schwellenländer in den Ruin? Droht nun eine neue Krise, wie sie Asien Ende der 90er Jahre erlebt hat? Oder gar eine neue Weltwirtschaftskrise? Wohl nicht. Dafür sind die großen Volkswirtschaften zu stabil. Und die Interventionen der Notenbanker in den Schwellenländern zeigten zumindest am Donnerstag erste Erfolge.

Doch die Zeiten, in denen Kapital massenhaft nach Istanbul oder Rio floss, sind vorbei. Geld, das darüber hinweggetäuscht hatte, wie anfällig die Wirtschaft dieser Länder ist. Denn am Niedergang von Lira oder dem brasilianischen Real sind nicht die Amerikaner schuld, sondern die Regierungen vor Ort. Die Länder, die jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen, werden nicht ohne Grund abgestraft. Die Türkei lebt schon seit Jahren über ihre Verhältnisse, importiert mehr Waren und Dienstleistungen als sie ausführt. Hinzu kommen die innenpolitischen Probleme. Die Krawalle im Gezi-Park und die Korruptionsvorwürfe haben das politische Ansehen der Türkei beschädigt. Auch in Indien hat sich das einst rasante Wirtschaftswachstum abgeschwächt, das Land leidet unter maroder Infrastruktur und Korruption. Und auch Brasilien ist entzaubert. Das Land baut zwar Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft, sonst aber nicht viel.

Für die einstigen Hoffnungsträger kommt es nun knüppeldick. Die hohen Zinsen würgen das Wachstum in den Schwellenländern ab. Aber auch die deutschen Exporteure, die Kunden in diesen Ländern haben, könnten Schwierigkeiten bekommen. Ihre Waren werden zu teuer. Ein Massenproblem ist das aber nicht. Brasilien, Indonesien, Indien, Südafrika und die Türkei sind nicht die Hauptabnehmer deutscher Produkte – anders als die EU, die USA oder China. Und die sind von den Turbulenzen unbeeindruckt.

Die Anleger aber, die ihr Glück bislang in den Schwellenländern gesucht haben, brauchen starke Nerven. Sie können sich zwar auf noch höhere Zinsen freuen, bei der Rückzahlung ihres Geldes droht jedoch eine böse Überraschung. Hohe Renditen ohne Risiko? Das hat bei Prokon nicht funktioniert. In der globalen Welt funktioniert das auch nicht.

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