Zeitung Heute : Wärmstens zu empfehlen

Wer sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen auskennt, kann quer durch alle Branchen profitieren

Judith Kessler

Während die Deutschen – aufgerüttelt durch den jüngsten Klimabericht – brav ihre Glühbirnen gegen Energiesparlampen auswechseln, hat auch die Wirtschaft die Notwendigkeit erkannt, sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen zu beschäftigen. Fast jede Branche bietet Weiterbildungen oder Aufbaustudiengänge zum Thema an. Die Zusatzqualifikationen machen sich bezahlt – nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für ihre Arbeitgeber.

„Unternehmen, die jetzt ein konsequentes Energiemanagement aufbauen, können ihre Kosten deutlich senken und so ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern“, sagt Rainer Stock von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Für Architekten und Ingenieure bietet die IHK den Lehrgang „Energiemanager“ an. In 148 Unterrichtstunden üben Fach- und Führungskräfte das Aufstellen von Wärmebedarfsrechnungen oder beschäftigen sich mit Klima- und Kältetechnik, um später in ihren Unternehmen Energiesparprogramme zu initiieren. Wer im Anschluss ein Zusatzmodul des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) absolviert, qualifiziert sich als „Energiesparberater vor Ort“ und darf den Energiepass für Gebäude ausstellen. Für Ingenieure oder Architekten kann das ein durchaus lohnender Nebenjob sein. „Ich kann allerdings niemandem empfehlen, künftig seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen“, warnt Rainer Stock. Die Konkurrenz sei schon jetzt zu groß, um Aufträge in einer relevanten Größenordnung zu erhalten.

Das Bauen gut gedämmter Häuser als kühle Rückzugsräume in heißen Sommern, Lüftungssysteme, die für Frischluftzufuhr sorgen – auch im Architekturstudium wird der Klimawandel immer stärker Thema. Denn Gebäude von heute müssen auch in 50 oder hundert Jahren noch bewohnbar sein, wenn in Berlin und Brandenburg laut Klimaforschern Temperaturen herrschen werden wie heute zum Beispiel in Mailand. An der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) beschäftigte sich daher im vergangenen Jahr eine Sommerakademie mit den neuen Anforderungen an Gebäude angesichts der Erderwärmung.

An der Technischen Universität Cottbus bildet der 2004 gegründete internationale Masterstudiengang „Euro Hydro- Informatics and Water Management“ Naturwissenschaftler und Ingenieure zu Experten in Sachen Wassermanagement und Wasserbau aus. Die Absolventen sollen später in der Lage sein, Hochwasserrisiken präzise zu berechnen, oder Katastrophenmanagement zu betreiben, etwa bei einer Verknappung des Trinkwassers. Ein Semester kann dabei an einer der europäischen Partneruniversitäten absolviert werden. Fortgeschrittene Mathematik- und gute Englischkenntnisse sind Pflicht. Die Jobchancen stehen offenbar nicht schlecht: Alle 40 Absolventen des ersten Jahrgangs haben Stellen in internationalen oder europäischen Unternehmen gefunden.

Der Masterstudiengang „Infernum“, den die Fernuniversität Hagen in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut für Sicherheit-, Umwelt, und Energietechnik (UMSICHT) seit sechs Jahren anbietet, richtet sich dagegen nicht nur an Naturwissenschaftler. Eine fächerübergreifende Ausbildung werde gerade im Umweltbereich immer wichtiger, meint Studiengangsleiter Görge Deerberg vom Fraunhofer Institut. „Wer heute ein Windrad aufstellen will, gelangt ganz schnell in juristische, aber auch in psychologische Bereiche – etwa wenn es darum geht, die Nachbarn über die Baumaßnahme zu informieren.“ Der Masterstudiengang richtet sich an Absolventen der unterschiedlichsten Fachrichtungen. Die Teilnehmer können sich ihr individuelles Studienprogramm aus 25 Lehrmodulen selbst zusammenstellen. Zur Auswahl stehen Themen wie Umweltpolitik, Umweltrisiken, Wasserwirtschaft, Technikfolgenabschätzung oder Klimawandel. Studiengangsleiter Deerberg schätzt die Berufschancen der Absolventen gut ein: „Immer mehr Unternehmen suchen Mitarbeiter, die sich nicht nur mit den Problemen des Klimawandels auseinandersetzen können, sondern auch Problemlösungen anbieten.“

Der bundesweit erste Fortbildungslehrgang zum „Fachagrarwirt erneuerbare Energien – Biomasse“ wird in Bayern angeboten. In einem dreizehnwöchigen Kurs beschäftigen sich die Teilnehmer – die einen Abschlusses in einem „grünen“ Beruf wie etwa dem Landwirt und dreijährige Berufserfahrung mitbringen müssen – mit regenerativen Energieträgern, der Nutzung von Biomasse sowie den damit zusammenhängenden rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten.

Bei den Rückversicherern sei das Wissen um die Konsequenzen des Klimawandels längst eine Selbstverständlichkeit, sagt Michael Able, Sprecher der Münchner Rück. Spezielle Weiterbildungsangebote richteten sich daher vor allem an Auszubildende. In einem einjährigen Weiterbildungskurs beschäftigten sich die Berufseinsteiger mit den aktuellen Problemen des Klimawandels und der Bewertung der daraus entstehenden Risiken. In einem Planspiel sollen sie dann die Theorie in die Praxis umsetzen. Und auch in der Finanzbranche kommt man um die Thematik nicht herum. Bisher war der Handel mit Co2-Emmissionszertifikaten oder Wetter-Derivaten zwar nur am Rande Ausbildungsinhalt. Die Frankfurt School of Finance etwa will entsprechendes Wissen aber zum Jahresende im Rahmen ihres Weiterbildungsstudiengangs „Erneuerbare Energien“ vertiefen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar