Zeitung Heute : Waffe gegen die Angst

Jeannette Krauth

US-Präsident Bush und Senator John McCain haben kurz nach dem Amoklauf in Virginia das Recht auf Waffenbesitz verteidigt. Warum ist für viele US-Bürger der Besitz einer Waffe so wichtig?


Das Recht auf Waffenbesitz geht auf einen Zusatz zur amerikanischen Verfassung zurück, der 1791 angefügt wurde. Darin heißt es: „Da eine gut ausgebildete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.“ In den USA wird dieser Satz durchaus unterschiedlich interpretiert. Für die einen ist er der Beleg, dass jeder Bürger Waffen tragen darf. Für die anderen ist er nur im historischen Zusammenhang zu verstehen: Es sei damals um das Recht von Bürgerwehren gegangen, sich gegen Kolonialmächte zu verteidigen.

„Alle Versuche, das Recht auf Waffenbesitz einzudämmen, sind gescheitert“, sagt Frank Unger, Professor für Politik am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Darauf deuten auch Äußerungen aus dem Weißen Haus von gestern hin. Kurz nach dem Attentat von Blacksburg erklärte eine Sprecherin von Präsident George W. Bush auf Nachfrage : „Der Präsident ist der Ansicht, dass Menschen ein Recht haben, Waffen zu tragen, aber dass alle Gesetze befolgt werden müssen.“ Unter der Präsidentschaft von Bill Clinton war der Verkauf von „schweren Angriffswaffen“ noch verboten worden. 2004 lief diese Regelung aus. Anders war es in Australien: Dort wurde das Waffenrecht eingeschränkt, nachdem 1996 35 Menschen bei einem Massaker starben.

Dass die USA hier anders reagieren, hat nach Ansicht Ungers mit der Geschichte von Sklaverei und Rassismus zu tun: „Ich glaube, dass unter der weißen Mehrheitsbevölkerung eine unbewusste Furcht vor Revanche der benachteiligten Schwarzen herrscht.“ Dies würde sich heute in der Angst vor Kriminalität, zum Beispiel vor Drogendealern, fortsetzen. In diese Richtung geht auch ein Lieblingsargument der Waffenlobby, allen voran der „National Rifle Association“: Mit einem Verbot würden Kriminelle begünstigt und Bürger der Möglichkeit zur Notwehr beraubt. Oder: „Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen.“ Oft wird dann argumentiert, dass beispielsweise die Schweiz oder Kanada ähnliche Waffenbesitzraten haben, aber in keiner Weise vergleichbare Tötungsraten.

„Bei dieser Argumentation wird aber die Sozialstruktur der Länder vergessen“, sagt Unger. In Kanada oder der Schweiz gebe es keine vergleichbaren Gettos. In der Schweiz, ergab eine Studie des Kriminologen Martin Killias, sterben jährlich 300 Menschen durch Armeewaffen, die zu Hause aufbewahrt werden dürfen – allerdings meist bei Selbstmorden. In den USA hingegen sind unter afro-afrikanischen Männern Schusswaffenverletzungen die häufigste vermeidbare Todesursache.

Nach Ansicht Ungers ist den Amerikanern die Waffe so lieb wie den Deutschen ihr Auto. Ereignisse wie „Shoot outs“ sind beliebt, das sind volksfestähnliche Spektakel, bei denen mit Handfeuerwaffen auf alte Kühlschränke geschossen wird. Ein anderes Beispiel: „Gun Shows“ in den Kleinstädten im Westen. Sie funktionieren wie Flohmärkte, bloß für Waffen, Munition inklusive. Hier sieht Unger das Selbstverständnis des Amerikaners verdeutlicht: Der Staat hat nicht das Recht, die Freiheit des Einzelnen einzudämmen. Und das Recht, eine Waffe zu tragen, ist eines der letzten Dinge, auf die der freie Bürger besteht.

Amerikaner würden sich zum Teil seltener als andere Bewohner entwickelter Industrieländer bestehlen, sagt Unger. Aber: „Wenn sie es denn einmal tun, dann bringen sie sich bis zu zwölfmal häufiger um“. Das deckt sich mit dem „Small Arms Survey“, einem Bericht, der jährlich im Auftrag der Vereinten Nationen herausgegeben wird. Darin heißt es: „Je mehr Waffen eine Gesellschaft besitzt, desto mehr wird von ihnen auch Gebrauch gemacht.“

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