Zeitung Heute : Waffen der Rache

Sie werden „schwarze Witwen“ genannt – zwei dieser tschetschenischen Frauen sprengten die Passagierflugzeuge in Russland

Frank Jansen Elke Windisch[Moskau]

Die Flugzeugabstürze in Russland waren Terroranschläge. Wer sind die Täter?

Die beiden Frauen haben den Terror synchronisiert. Jede hat für ihren Flug einen Platz in den hinteren Reihen gebucht. Fast zeitgleich, kurz vor 23 Uhr, zünden sie den am Körper versteckten Sprengstoff. Die Explosion reißt ein großes Loch ins Heck der Tupolew 134. Die Maschine stürzt ab. In der Tupolew 154 können die Piloten in den letzten Sekunden ihres Lebens noch ein Notsignal senden. Dann zerbricht das Flugzeug, nahe der Mitte. In den Maschinen kommen insgesamt 89 Menschen um. Ein weiteres Fanal im Kampf der Tschetschenen, kurz vor der Präsidentenwahl inszeniert. Gebombt haben vermutlich „schwarze Witwen“, aus Rache handelnde Frauen, Töchter oder Mütter getöteter Partisanen.

So rekonstruieren und erklären deutsche Sicherheitsexperten den Doppelabsturz von Dienstagabend. Dass es ein kombiniertes Attentat war, ist kaum noch zu bestreiten. Die Maschinen seien auf den Flügen von Moskau in Richtung Süden gezielt gesprengt worden, heißt es in Sicherheitskreisen. Auch die russischen Behörden geben nach tagelangem Informations-Wirrwarr nun einschlägige Erkenntnisse preis. So seien an Wrackteilen der TU 154, die 1000 Kilometer südlich von Moskau abstürzte, Spuren des Sprengstoffs Hexogen gefunden worden.

Hexogen ist noch gefährlicher als TNT und kann mit Plastiksprengstoff kombiniert werden. Bei den Anschlägen auf Wohnhäuser in russischen Großstädten im Herbst 1999 mit mehr als 200 Toten kam auch Hexogen zum Einsatz. In der Wirtschaftszeitung „Kommersant“ wird spekuliert, die Attentäterinnen könnten den Sprengstoff im Körper deponiert haben. So wie Drogenkuriere, die Plastiktütchen verschlucken. „Wenn der Sprengstoff wirklich im Körper war und das Schule macht, können wir Sicherheitskontrollen an den Flughäfen erst mal vergessen“, sagt ein deutscher Sicherheitsexperte. Ein weiteres Indiz stärkt den Verdacht, dass zwei tschetschenische Frauen die Maschinen gesprengt haben. In jedem Flugzeug saß eine Frau, nach deren Schicksal sich kein Angehöriger erkundigte. In der TU 154 war eine Frau mit dem Nachnamen Dschabrailowa. In der TU 134 war es die in Tschetschenien geborene Amanta Nagajewa, deren Leiche an der Absturzstelle geborgen wurde. Der Fundort weist darauf hin, dass die Terroristin den Sprengsatz in der Bordtoilette gezündet hat.

Zu den Anschlägen haben sich die Islambuli Brigaden bekannt, die auch Ende Juli den Anschlag auf den designierten pakistanischen Premier Schaukat Asis verübt haben wollen. Am Freitag verkündete die ominöse Gruppe auf der Homepage „islamic minbar“, je fünf Mudschahedin (heilige Krieger) hätten die Maschinen entführt – „um unsere Brüder in Tschetschenien und anderen Regionen, die unter Russland leiden, zu unterstützen“. Deutsche Sicherheitsexperten sprechen von „Trittbrettfahrern“. Es gebe keine Hinweise auf arabische Entführer. Außerdem hätten die Islambuli Brigaden ihre Selbstbezichtigung auf der Homepage verbreitet, die auch die wegen ihrer wahllosen Bekenntnisse unglaubwürdigen Abu- Hafs-al-Masri-Brigaden nutzen.

Die Islambuli Brigaden könnten ein Propaganda-Instrument sein. Sicherheitsexperten ordnen die Brigaden dem Umfeld der libanesischen Gruppe Asbat al Ansar zu, die mit Al Qaida kooperiert und im Jahr 2000 einen Anschlag auf die russische Botschaft in Beirut verübte. Bei Asbat al Ansar mischen Ägypter mit. Dies könnte den Namen Islambuli Brigaden erklären. Der Offizier, der 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat erschoss, hieß Khalid al Islambuli. Im islamistischen Terrornetz hat der Name offenbar einen guten Klang.

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