Zeitung Heute : Waffen gegen die Angst

Kriegsende, Israels Armee räumt den Libanon. Sie kommt heim in ein Land, das geprägt ist vom – Militär

Andrea Nüsse[Tel Aviv Jerusalem]

Rote Lederbänke unter großen Wandspiegeln, alle besetzt, junge Gäste in Miniröcken, engen Tops oder tief sitzenden Jeans, dazwischen Soldaten in Uniform. Ma’aijan Padan fällt auf. Die kräftige 19-Jährige trägt ein T-Shirt, schwarz und schlabberig, mit der Aufschrift „Frieden“ in Englisch, Hebräisch und Arabisch. Sie sitzt unter all den anderen hier im Restaurant „Zinc“ in der Innenstadt von Tel Aviv, es ist Mittag, und sie sagt: „Wenn meine Freundinnen mich zu Hause besuchen, müssen sie zuerst ihre Uniform ausziehen.“ All ihre Freunde und ehemaligen Klassenkameraden machen derzeit ihren Wehrdienst in der israelischen Armee. Drei Jahre für Männer, zwei Jahre für Frauen. Ma’aijan hat verweigert.

„Die Armee ist das hässliche Gesicht einer Nation, die ein anderes Volk unter Besatzung hält. Den Wehrdienst zu verweigern, ist in Israel noch immer ein Tabu, du wirst zum Außenseiter.“

Niemand in Israel außer diesen Außenseitern stellt infrage, dass das Land eine abschreckend starke Armee braucht, ein Land in einer Region, in der es noch immer Nachbarn gibt, die sein Existenzrecht nicht anerkennen. Für den jüngsten Krieg im Libanon hatte Israel gerade wieder Tausende von Reservisten eingezogen und an die Front geschickt – Computerexperten, Bankangestellte, Familienväter. Tausende mehr hatten sich freiwillig gemeldet. Es war der sechste Krieg zwischen Israel und einer arabischen Partei, am frühen Sonntagmorgen verließ der letzte israelische Soldat den Libanon.

Mehrere Untersuchungskommissionen sollen nun klären, warum das Militär anscheinend schlecht vorbereitet war, warum das Kriegsziel – ein Sieg über die Hisbollah – nicht erreicht wurde, wie die Entscheidungsabläufe in der Regierung waren. Die Frage, ob dieser Krieg notwendig und verhältnismäßig war, wird kaum gestellt. Reservisten protestieren dagegen, dass er abgebrochen wurde.

Die junge Ma’aijan Padan ist in diesem Denken aufgewachsen. „Es geht immer um Stärke. Israel muss stark sein, die Armee muss stark sein, du musst stark sein. Wie wir unsere Macht nutzen, nämlich auch um andere zu verletzen, ist kein Thema.“ Ma’aijan spricht langsam und überlegt. Man merkt ihr an, dass sie viel nachgedacht hat. Begonnen hat das in ihrem elften Lebensjahr, sagt sie.

Damals starb eine Tante bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag auf einen Bus. Seither wollte das Mädchen verstehen, was um es herum vorgeht. „Warum unser Leben nicht normal ist.“ Was sie in der Schule darüber lernte, reichte ihr nicht. Im Geschichtsunterricht habe sie alle israelischen Kriege durchgenommen – „die Massaker an Palästinensern von Deir Jassin, verübt durch die israelische Untergrundarmee 1948 , oder Sabra und Schatila, die unter israelischer Aufsicht verübten Massaker durch christliche Milizen im Libanon, kamen nicht vor.“

Ma’aijan beschreibt, wie ihr von Kindesbeinen an beigebracht worden sei, dass sie nur ein guter Israeli sein könne, wenn sie eine gute Soldatin sei. „Im Kindergarten haben wir am ,Memorial Day‘ Grabsteine gefallener Soldaten gesäubert. Später haben wir Aufsätze über gefallene Soldaten aus unserem Viertel oder unserer Familie geschrieben.“ Als Ma’aijan in den letzten beiden Schuljahren nicht den Offizieren zuhören wollte, die in der Schule die Armeedivisionen vorstellten, habe sie Ärger bekommen.

Ma’aijan zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Sie setzt sich in den Schneidersitz. Es scheint ihr wenig auszumachen, anders zu sein als die anderen.

In Ma’aijans Heimatstadt Rosh Haajin, einem kleinen Ort außerhalb von Tel Aviv, wohnen viele Karrieresoldaten und ihre Familien. In den Wohnungen hängen Fotos von Männern in Uniform. So wie in ganz Israel Uniformen und Waffen zum Alltag gehören: Soldaten mit Gewehren patrouillieren zwischen den Badenden am Strand von Tel Aviv. Am Ende des Wochenendes stehen vielerorts Wehrpflichtige mit Gewehren über der Schulter am Straßenrand, die per Autostopp zu ihrer Einheit zurückkehren wollen. Jeder jüdische Mann bis Anfang 40 muss mindestens einmal jährlich als Reservist ein Militärtraining absolvieren.

Die herausragende Stellung der Armee in der israelischen Gesellschaft bleibt nach Ansicht von Urna Sassam nicht ohne Folgen. Urna Sassam ist Soziologin, Dozentin an der Universität in Ramat Gan östlich von Tel Aviv, sie glaubt, dass militärische Überlegungen alles in der Gesellschaft und im Denken durchdringen. Sassam hat kurzes Haar und einen durchtrainierten Körper, sie blickt von der Terrasse eines Cafés auf das Nationaltheater von Tel Aviv. „Taucht ein Problem auf, ist eine aggressive, machtvolle Strategie oft die erste Antwort, die uns einfällt“, sagt sie. Das erkläre auch, wie überstürzt das Land damals im Juli nach der Entführung der zwei israelischen Soldaten durch die Hisbollah in den Krieg gezogen sei. Und warum die Medien dieser einsamen Entscheidung von Ministerpräsident Olmert gefolgt seien.

„Die Militarisierung des Denkens fängt in Kindergarten und Schule an“, sagt Sassam. „Die Kinder lernen mehr über Kriegshelden als über große jüdische Denker, in der Rechtssprechung werden Menschenrechte noch immer regelmäßig Sicherheitsüberlegungen untergeordnet, Ex-Generäle wechseln innerhalb kürzester Zeit in Top-Positionen in Politik und Wirtschaft.“ Auch der Wehrdienst spielt eine entscheidende Rolle: „Die Armee hat eine Monopolstellung bei der Entwicklung junger Israelis zwischen 17 und 24 Jahren.“ Die soziale Hierarchie in dieser Zeit werde von der Armee bestimmt. „Piloten und Mitglieder von Kampfeinheiten genießen das höchste Ansehen – dein Platz in der Hierarchie bestimmt sich durch den Abstand zu diesen Eliteeinheiten.“

Darüber hinaus erfährt die Mutter gerade am eigenen Leib, wie prägend die Armee-Erfahrung für junge Menschen ist. Ihre 19-jährige Tochter leistet derzeit ihren Wehrdienst. „Sie hat vorher nie politisch diskutiert. Durch ihre Anerkennung im Militär ist sie selbstsicherer geworden. Aber sie vertritt plötzlich Ansichten, die mich sehr erstaunen.“ So stufe sie die Bedrohung Israels höher ein als die Mutter und befürworte ein hartes Vorgehen. Als Mutter ist Urna Sassam froh über das neue Selbstvertrauen der Tochter. Als Israelin, die eher dem linken politischen Spektrum angehört, ist sie irritiert darüber. Natürlich spiele dabei die äußere Bedrohung, zuletzt durch die von der Hisbollah abgefeuerten Raketen, eine Rolle. Aber Sassam sieht darin einen Teufelskreis: „Man kann darüber streiten, was zuerst da war: der Konflikt oder das militaristische Denken. Aber es ist klar, dass der Konflikt immer fortgesetzt wird, wenn nur nach militärischen Lösungen Ausschau gehalten wird.“

Im Erziehungsministerium in Jerusalem sieht man das anders. „Wir leben nun einmal nicht in Schweden“, sagt Yael Barenholz, die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der Sektion „Jugend und Gesellschaft“. Von militaristischem Denken will sie nichts wissen. Gut vorbereitet und mit zahlreichen Broschüren auf Englisch kommt sie in das Gespräch in dem kleinen Büro. „Unsere Vorbereitungsprogramme auf den Wehrdienst in der elften und zwölften Klasse sollen den Jugendlichen nur helfen, ihre Entscheidungen richtig zu treffen.“ Man wolle eben gerade nicht dem Militär die Vorbereitung der Rekruten überlassen. Das Schulfach war eingeführt worden, nachdem die Zahl von Selbstmorden bei Wehrpflichtigen stark angestiegen sei, sagt Barenholz.

Im Auftrag des Ministeriums gehen Offiziere in die Schulen, werden Tagesausflüge zu Armeeeinheiten oder Zeltlager organisiert. „Der Wechsel vom Bürger zum Soldaten ist mehr als das Anziehen einer Uniform“, sagt Barenholz. Daher werde auch über moralische Zwangslagen gesprochen. So diskutieren die Schüler das Beispiel einer Soldatengruppe im Jordantal, die bei der Jagd nach Terroristen auf eine ältere Frau vor einer Höhle trifft. Sie bieten ihr Wasser an, und genau in dem Augenblick lehnt sie sich zur Seite, und die Soldaten werden aus der Höhle heraus beschossen. „War es richtig, der Frau zu vertrauen?“, lautet die Frage.

Dotan Greenvald hat zwar auch das Vorbereitungsprogramm für die Armee in der Schule durchlaufen. An Debatten über moralische Fragen kann der heute 23-Jährige sich nicht erinnern. „Uns wurde erklärt, wie der Einschreibungsprozess funktioniert.“ Der junge Mann im roten T-Shirt und in der schwarzen Jeans atmet tief durch und lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. Er genießt den lauen Abend im Garten eines Weinlokals in West-Jerusalem: Als Reservist im Libanonkrieg eingezogen, ist er erst am Vortag entlassen worden. Im halboffenen braunen Rucksack liegen Tüten mit Oliven, Pfefferminze und Birnen. Gerade eingekauft. Nach einmonatiger Abwesenheit ist der Kühlschrank zu Hause noch leer.

Man habe sie auf eine „imaginäre Armee von Helden“ vorbereitet, erinnert sich Greenvald. So hätten er und seine Freunde Hanteln gestemmt, um die körperlichen Tests zu bestehen, die den Weg in die Kampfeinheiten ebnen. „Niemand war darauf vorbereitet, was ihn als Soldat im besetzten Hebron erwartete, das war ein absoluter Schock.“ Schwer bewaffnet hätten die 19-Jährigen dort die Palästinenser in Schach halten sollen. „An Checkpoints musste ich alten Männern den Weg versperren; während eines Ausgehverbots dafür sorgen, dass kein Palästinenser das Haus verlässt.“ Seine enorme Macht fand Greenvald verwirrend. Trotz der Angst vor Angriffen begann er damals, sich die Frage zu stellen: „Gegen welchen Feind kämpfe ich hier eigentlich?“ Beantwortet hat er sie sich nicht. „Du sagst dir immer wieder, es wird schon militärische Gründe geben, die ich vielleicht nicht kenne.“

„Die meisten packen diese Erfahrung in eine Kiste und verstauen sie unter ihrem Bett. Viele gehen nach Indien und nehmen Drogen.“ Doch zurück bleibe eine „Gewalttätigkeit“, die Greenvald am aggressiven Verhalten im Straßenverkehr, am ruppigen Umgang und der Ungeduld im Alltag und an häuslicher Gewalt ablesen will.

Jetzt will der junge Mann eine Lehre zum Reiseführer machen und danach vielleicht nach Marokko gehen. In der Hoffnung, dort Arabern auf Augenhöhe begegnen zu können. Im eigenen Land will ihm das nicht gelingen. „Wenn du dank eines Gewehres jahrelang die totale Kontrolle über die Palästinenser hattest, ist es sehr schwer, sie als gleichberechtigte Partner zu sehen.“

Die 19-jährige Ma’aijan Padan will nun ein soziales Jahr absolvieren. Bei den „Ärzten für Menschenrechte“, einer britischen Organisation mit Ableger in Israel.

Es ist Sonntag, an diesem Tag beginnt das jüdische Versöhnungsfest Jom Kippur. Der israelische Rundfunk meldet, Tausende zusätzlicher Polizisten seien im Einsatz, um mögliche Anschläge zu verhindern. Am Freitag hatte die Armee aus demselben Grund bereits die Palästinensergebiete abgeriegelt.

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