Zeitung Heute : Wagen ohne Volk

Es muss ein Auto für alle sein – daran erinnert sich auch VW wieder. Und baut jetzt um

Alfons Frese

Volkswagen hat ein tiefgreifendes Restrukturierungsprogramm angekündigt. 20 000 Mitarbeiter könnten betroffen sein. Was für ein Problem hat VW?


Worüber in der Presse schon am Vortag spekuliert worden war, bestätigte VW-Chef Bernd Pischetsrieder am Freitagnachmittag: Dem Konzern steht ein hartes Sanierungsprogramm bevor. Ein Programm, das 20 000 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze kosten könnte. Der Grund: Die Kernmarke Volkswagen wirft nicht genug Gewinn ab. Deswegen wird nun restrukturiert. Dabei geht es um Kosten-, Ablauf- und Produktionsstrukturen.

VW-Markenchef Wolfgang Bernhard hat den strukturellen Nachteil in der Produktion schon vor Monaten deutlich gemacht. Zur Herstellung eines Golf brauchen die Montierer in Wolfsburg zweieinhalbmal so viel Zeit wie der Wettbewerber für das beste Konkurrenzmodell. Für den Passat wird sogar dreimal so viel Zeit gebraucht. Es stimmt also etwas nicht mit dem Ablauf und der Produktion in den VW-Fabriken. Und wer mit der Produktivität hinter den Wettbewerbern herfährt, bleibt irgendwann auf der Strecke.

Eigentlich, so hat man lange gedacht, sind die hohen Arbeitskosten in Deutschland verkraftbar, weil ja auch die Produktivität hoch ist. Für die meisten VW-Werke gilt das nicht. Deshalb ist es unvermeidlich, neben effizienteren Abläufen auch die Kosten zu reduzieren. Und zwar nicht allein die Arbeitskosten, die ohnehin weniger als 20 Prozent der gesamten Herstellungskosten ausmachen. Wie man Kosten vermeidet, hat Bernhard mit den so genannten Lieferanten- und Produktklausuren gezeigt. Eine Woche lang diskutierten insgesamt 1000 VW-Mitarbeiter und Lieferanten Sparvorschläge – 390 Millionen Euro kamen dabei raus. Und beim kleinen Geländewagen, der ab 2007 in Wolfsburg gebaut wird, stand am Ende der Klausur ein Sparvolumen von 2000 Euro pro Stück. Wenn der Betrag nicht erreicht worden wäre, würde das Auto statt in Wolfsburg in Portugal gebaut.

Der wichtigste Wettbewerber von VW ist Toyota. Die Japaner sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie einfache Autos in einfachen Fabriken bauen und dabei die Qualitätssicherung fast perfektioniert haben. VW ist den umgekehrten Weg gegangen. Klassische Volkswagen wie Golf und Polo sind vollgestopft mit modernster Technik und Elektronik und die Fabriken sind voll automatisierte Technologiepaläste – entsprechend groß ist der Kapitaleinsatz. Um künftig mit Volkswagen am Markt bestehen zu können, also mit Massenautos, die zwischen 5000 und 30 000 Euros kosten, muss auch VW einfachere Fahrzeuge konstruieren, die dann mit weniger Aufwand produziert werden.

Gebaut werden die Autos auch künftig zum überwiegenden Teil von Menschen. Die müssen gut arbeiten und dafür bezahlt werden. Für das Personal ist bei VW Horst Neumann zuständig, der von der IG Metall kommt. Neumann sagt, „ein Unternehmen, das kein Geld verdient, kann es sich nicht leisten, 20 Prozent über Flächentarif zu bezahlen“. Neumann meint sein Unternehmen.

Die Marke VW schreibt nur deshalb keine roten Zahlen, weil die Standorte im Ausland, vor allem in Osteuropa, profitabel sind. Anders gesagt: Die VW-Beschäftigten in Billigstandorten subventionieren die Arbeitsplätze ihrer Kollegen in den teuren westdeutschen Standorten. Bei VW in Wolfsburg wurde traditionell gut bezahlt. Das war auch möglich, weil Käfer und Golf über Jahrzehnte Monopolgewinne einfuhren. Aber das war einmal. Die Privilegien der VW-ler sind nicht mehr zu finanzieren. Die Gewerkschafter werden daher in den bevorstehenden Verhandlungen nicht blockieren. Damit auch künftig Autos für die breite Masse aus Wolfsburg kommen.

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