Zeitung Heute : Wagner e Venezia

Die große Liebe

Peter Buske

„In einer schlaflosen Nacht, wo es mich gegen drei Uhr des Morgens auf den Balkon meiner Wohnung hinaustrieb, hörte ich denn auch zum ersten Male den altberühmten Naturgesang der Gondolieri“, erinnert sich Richard Wagner in seiner Autobiografie „Mein Leben“ über seinen ersten Aufenthalt in Venedig. Nach einem Streit mit seiner ersten Frau Minna verlässt er Mitte August 1858 fluchtartig Zürich. In der Lagunenstadt nimmt er für sieben Monate Quartier im Palazzo Giustinian am Canal Grande, wo er für sich und Dichterfreund Carl Ritter neun Zimmer belegt, um in Abgeschiedenheit den 2. Akt von „Tristan und Isolde“ zu vollenden. Obwohl er kaum Geld hat, lässt er neue Stofftapeten aufspannen.

Nobel und in bester Wasserlage logiert er stets: im zum Nobellogis Danieli umgebauten Palazzo Dandolo, im „Europa“, im Palazzo Contarini (Oktober 1880). Oder in der Ca’ Vendramin Calergi. Attraktiv ist sie für ihn, seine Familie nebst ausgiebiger Entourage vor allem wegen deren Grandiosität, die der seinen vollkommen entspricht. Und so mietet man ab 14. September 1882 sogleich 28 Zimmer im Halbgeschoss des etwas zurückgesetzten Grimani-Flügels. Der Vertrag wird für drei Jahre abgeschlossen, mit einer Option auf weitere fünf. Richard Wagner hat also durchaus die Absicht, den Rest seines Lebens im geliebten Venedig – wo ihm der Gondoliere Ganazetta zur Verfügung steht, er die Caffès Laverna, Florian und Quadri besucht, in den Giardini Pubblici spazieren geht, das Karnevalstreiben auf dem Markusplatz genießt – und in glamourösem Ambiente zu verbringen.

Vier Zimmer reserviert der Meister allein für sich, nutzt sie als Empfangs- und Raucherzimmer, Teesalon und Privatstudio. Sie sind kostbar möbliert und tapeziert. Auf einem venezianischen Divanetto aus dem 17. Jahrhundert stirbt der Komponist am 13. Februar 1883 an den Folgen eines Herzinfarkts nach heftiger Auseinandersetzung mit Gattin Cosima. Franz Liszt schreibt ihm als klavierklingenden Nachruf „La lugubre Gondola“. Dem erst 1992 gegründeten Richard-Wagner-Verband hat die Stadt als Eigentümerin des Palastes (als Winterkasino genutzt) das Sterbezimmer des Venedigliebhabers zu musealer Nutzung zur Verfügung gestellt. Peter Buske



Raffaelsaal, Orangerie

Sanssouci, 15. Juni, 20 Uhr

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